Dave sah John an. »Das hast du ihm erzählt!«
John schüttelte den Kopf.
»Vor zwei Jahren stand wieder eine Nachricht auf der Tafel«, fuhr Dan fort. »›Die bringen den Baseballjungen um!‹ Ich wusste nicht, was das bedeuten sollte, und ich bin mir nicht sicher, ob Abra es damals wusste. Dabei hätte es bleiben können, aber dann hat sie das da gesehen.« Er deutete auf die Rückseite der Gratiszeitung mit den vielen briefmarkengroßen Porträts.
Den Rest erzählte Abra.
Als sie fertig war, sagte Dave: »Ihr seid also nach Iowa geflogen, weil ein zwölfjähriges Mädchen euch das Ganze eingeflüstert hat.«
»Und zwar ein sehr spezielles zwölfjähriges Mädchen«, sagte John. »Mit einigen ebenso speziellen Gaben.«
»Und wir dachten, wir hätten es überstanden.« Dave warf Abra einen vorwurfsvollen Blick zu. »Wir dachten, bis auf ein paar kleine Vorahnungen wäre sie darüber hinweg.«
»Es tut mir leid, Daddy.« Abras Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
»Vielleicht sollte es ihr nicht leidtun müssen«, sagte Dan und hoffte, nicht so zornig zu klingen, wie er sich fühlte. »Sie hat ihre Fähigkeiten verborgen, weil Sie und Ihre Frau wollten, dass die sich in Luft auflösen. Sie hat sie verborgen, weil sie Sie liebt und eine gute Tochter sein wollte.«
»Hat sie Ihnen das etwa erzählt?«
»Wir haben nicht mal ansatzweise über das Thema gesprochen«, sagte Dan. »Aber ich habe auch sehr an meiner Mutter gehangen, und deshalb hab ich mich als Kind ganz genauso verhalten.«
Abra warf ihm einen Blick zu, der reine Dankbarkeit ausdrückte. Während sie den Kopf wieder senkte, sandte sie ihm einen Gedanken. Etwas, was ihr zu peinlich war, es laut zu sagen.
»Außerdem wollte sie nicht, dass ihre Freundinnen es erfahren. Sie dachte, die würden sie dann nicht mehr mögen, sondern Angst vor ihr haben. Damit hatte sie wahrscheinlich sogar recht.«
»Verlieren wir die Hauptsache nicht aus dem Blick«, sagte John. »Also, bekanntlich sind wir nach Iowa geflogen. Wir haben in der Nähe der Stadt Freeman eine Ethanolfabrik gefunden, genau dort, wo Abra es beschrieben hatte. Wir haben die Leiche des Jungen entdeckt. Und seinen Handschuh. Auf die Innenseite hatte er den Namen seines Lieblingsprofis geschrieben, aber auf dem Verschluss steht sein eigener Name – Brad Trevor.«
»Er wurde ermordet, behauptest du«, sagte Dave zu seiner Tochter. »Von einem Haufen durch die Gegend ziehender Irrer.«
»Sie reisen in Campingbussen und Winnebagos«, sagte Abra mit leiser, träumerischer Stimme. Während sie sprach, beäugte sie den eingewickelten Baseballhandschuh. Einerseits hatte sie Angst davor, andererseits wollte sie ihn berühren. Diese widersprüchlichen Gefühle erreichten Dan so deutlich, dass ihm ganz schlecht dabei wurde. »Und sie haben komische Namen – wie die von Piraten.«
Fast flehentlich fragte Dave: »Bist du dir denn sicher, dass dieser Junge ermordet wurde?«
»Die Frau mit dem Hut hat sich sein Blut von den Händen geleckt«, sagte Abra. Sie setzte sich zu ihrem Vater und legte ihr Gesicht an seine Brust. »Wenn sie es will, hat sie einen speziellen Zahn. Den haben sie alle.«
»Und dieser Junge war wirklich so wie du?«
»Ja.« Abras Stimme war gedämpft, aber verständlich. »Er konnte mit seiner Hand sehen.«
»Was willst du damit sagen?«
»Wenn bei einem Spiel bestimmte Bälle angeflogen kamen, konnte er sie treffen, weil seine Hand sie zuerst gesehen hat. Und wenn seine Mutter etwas verloren hatte, hat er die Hand über die Augen gelegt und hindurchgeschaut, um zu sehen, wo das verlorene Ding war. Glaube ich wenigstens. Das weiß ich nicht ganz sicher, aber manchmal benutze ich meine Hand auch so.«
»Und deshalb haben sie ihn umgebracht?«
»Mit Sicherheit«, sagte Dan.
»Um an eine Art übersinnliches Vitamin zu kommen? Wisst ihr eigentlich, wie lächerlich das klingt?«
Darauf gab niemand eine Antwort.
»Und diese Leute sollen wissen, dass Abra ihnen auf der Spur ist?«
»Ja, das wissen sie.« Abra hob den Kopf. Ihre Wangen waren gerötet und tränennass. »Meinen Namen kennen sie zwar nicht, und sie wissen auch nicht, wo ich wohne, aber sie wissen, dass es mich gibt.«
»Dann müssen wir zur Polizei gehen«, sagte Dave. »Oder vielleicht … ich glaube, mit so was befasst sich eher das FBI. Wahrscheinlich wird man uns da zuerst nicht glauben, aber wenn man die Leiche findet …«
»Ich werde Ihnen nicht sagen, dass das eine schlechte Idee ist, bis wir sehen, was Abra mit dem Baseballhandschuh anfangen kann«, sagte Dan. »Aber Sie müssen gut überlegen, welche Konsequenzen das haben könnte. Für mich, für John, für Sie und Ihre Frau und vor allem für Abra.«
»Ich weiß nicht recht, was für Probleme Sie und John bekommen …«
John rutschte ungeduldig auf dem Stuhl herum. »Ach, komm schon, David. Wer hat die Leiche gefunden? Wer hat sie ausgebuddelt und dann wieder verscharrt, nachdem er ein Beweismittel mitgenommen hat, das die Spurensicherung zweifellos für ausgesprochen wichtig halten würde? Wer hat dieses Beweismittel dann durch das halbe Land transportiert, damit eine Achtklässlerin es als Ouijabrett verwenden kann?«
Obwohl Dan es eigentlich nicht vorgehabt hatte, mischte er sich ein, um Dave Stone unter Druck zu setzen. Unter anderen Umständen hätte er sich vielleicht schlecht dabei gefühlt, momentan aber nicht. »Ihre Familie ist schon jetzt in einer Krise, Mr. Stone. Die Großmutter Ihrer Frau liegt im Sterben, Ihre Frau trauert um sie und ist erschöpft. Diese Sache würde in den Medien und im Internet wie eine Bombe einschlagen. Eine reisende Mörder-Sekte, die hinter einem angeblich medial veranlagten Mädchen her ist! Man wird Abra im Fernsehen vorführen wollen. Sie werden ablehnen, und das wird die Meute noch gieriger machen. Ihre Straße wird sich in ein Open-Air-Studio verwandeln, die Nachrichtenteams werden ins Nachbarhaus einziehen, und in ein oder zwei Wochen wird die ganze Medienbande aus voller Kehle Schwindel brüllen. Erinnern Sie sich noch an den Vater des sogenannten Ballonjungen? Mit dem wird man Sie vergleichen. Und in der ganzen Zeit werden diese Leute, die hinter Abra her sind, weiterhin unbehelligt ihr Unwesen treiben.«
»Und wer soll meine Tochter dann beschützen, wenn diese Irren tatsächlich hier auftauchen? Ihr zwei? Ein Arzt und ein Hospizpfleger? Oder sind Sie da bloß der Hausmeister?«
Gut, dass du noch nichts von dem dreiundsiebzigjährigen Stadtgärtner weißt, der auf deiner Straße Wache hält, dachte Dan und musste grinsen. »Ich bin ein wenig beides. Hören Sie, Mr. Stone …«
»Da Sie und meine Tochter offenbar so gut befreundet sind, sollten Sie mich wohl lieber Dave nennen.«
»Okay, also Dave. Was Sie als Nächstes tun werden, hängt wohl davon ab, ob Sie darauf spekulieren wollen, dass man Abra bei der Polizei Glauben schenkt. Obwohl sie dort erzählen wird, dass diese Leute Vampire sind, die anderen das Leben aussaugen.«
»Du lieber Himmel«, sagte Dave. »Lucy kann ich das alles gar nicht beichten, sonst brennt bei der noch eine Sicherung durch. Beziehungsweise alle Sicherungen.«
»Die Frage, ob die Polizei gerufen werden soll oder nicht, dürfte damit wohl erledigt sein«, bemerkte John.
Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Irgendwo im Haus tickte eine Uhr. Irgendwo draußen bellte ein Hund.
»Das Erdbeben«, sagte Dave plötzlich. »Dieses kleine Erdbeben. Warst du das, Abby?«
»Da bin ich mir ziemlich sicher«, flüsterte sie.
Dave umarmte sie, dann stand er auf, wickelte den Baseballhandschuh aus und hielt ihn nachdenklich in der Hand. »Sie haben ihn damit begraben«, sagte er. »Sie haben ihn entführt, gefoltert und ermordet, und dann haben sie ihn mit seinem Baseballhandschuh begraben.«
»Ja«, sagte Dan.
Dave wandte sich an seine Tochter. »Willst du dieses Ding wirklich anfassen, Abra?«
Sie streckte die Hände aus. »Nein«, sagte sie. »Aber gib es mir trotzdem.«
5
David Stone zögerte, dann überließ er Abra den Handschuh. Sie nahm ihn in die Hände und betrachtete die Innenseite. »Jim Thome«, sagte sie, und obwohl Dan seine gesamten Ersparnisse (nach zwölf Jahren kontinuierlicher Arbeit und ebenso kontinuierlicher Abstinenz hatte er tatsächlich welche) darauf verwettet hätte, dass sie noch nie auf diesen Namen gestoßen war, sprach sie ihn richtig aus: Toh-mé. »Der gehört zu denen, die mehr als sechshundert Homeruns erzielt haben.«
»Das stimmt«, sagte Dave. »Er …«
»Pst«, machte Dan.
Die drei beobachteten Abra. Sie hob den Handschuh ans Gesicht und schnupperte an der Tasche. (Dan, dem das Wanzengewimmel darin einfiel, musste sich zusammenreißen, dass er nicht angeekelt das Gesicht verzog.) »Nicht Barry the Chunk, sondern Barry the Chink. Aber der ist gar kein Chinese. Sie nennen ihn bloß so, weil seine Augen an den Winkeln schräg nach oben gehen. Er ist ihr … ihr … weiß auch nicht … Moment mal …«
Sie hielt sich den Handschuh an die Brust, als wäre er ein Baby. Dann begann sie schneller zu atmen. Ihr Mund fiel auf, und sie stöhnte. Erschrocken legte Dave ihr eine Hand auf die Schulter. Abra schüttelte ihn ab. »Nein, Daddy, nein!« Sie schloss die Augen und drückte den Handschuh an sich. Die anderen warteten.
Endlich gingen Abras Augen auf, und sie sagte: »Sie kommen, um mich zu holen.«
Dan stand auf, kniete sich neben sie und legte eine Hand über ihre beiden Hände.