Doctor Sleep - Страница 72


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(wie viele sind es einige von ihnen oder alle)

»Bloß einige. Barry ist dabei, deshalb kann ich es sehen. Und noch drei andere. Vielleicht auch vier. Darunter eine Frau mit einem Schlangentattoo. Sie nennen uns Tölpel. Wir sind Tölpel für sie.«

(ist das die Frau mit dem Hut)

(nein)

»Wann werden sie hier sein?«, fragte John. »Kannst du uns das sagen?«

»Morgen. Zuerst müssen sie irgendwo anhalten und was abholen …« Sie hielt inne. Ihr Blick schweifte durchs Zimmer, ohne etwas zu sehen. Eine Hand kam unter der von Dan hervor und begann, über den Mund zu reiben. Die andere hielt den Handschuh umklammert. »Sie müssen … ich weiß nicht …« Aus ihren Augenwinkeln quollen Tränen, nicht aus Traurigkeit, sondern durch die Anstrengung. »Ist es Medizin? Es ist … Moment, Moment, lass mich los, Dan, ich muss … du musst mich loslassen …«

Er nahm seine Hand weg. Es knisterte scharf, und das blaue Flämmchen einer statischen Entladung blitzte auf. Das Klavier spielte eine disharmonische Reihe von Tönen. Eine kleine Sammlung Hummel-Figuren, die auf dem Tischchen neben der Tür zum Flur standen, geriet rappelnd ins Wackeln. Abra schlüpfte mit der Hand in den Handschuh. Ihre Augen weiteten sich.

»Einer heißt Crow! Ein anderer ist Arzt, und da haben sie Glück, weil Barry krank ist! Er ist krank!« Sie starrte die drei wild an, dann lachte sie. Dans Nackenhärchen stellten sich auf. So lachten wohl Wahnsinnige, wenn sie zu spät ihre Medikamente bekamen. Fast hätte er ihr den Handschuh von der Hand gerissen.

»Er hat die Masern! Er hat sich bei Grampa Flick damit angesteckt, und jetzt wird er bald kreisen! Verfluchte Scheiße, das kommt von diesem Jungen! Offenbar war der nicht geimpft! Wir müssen Rose Bescheid sagen! Wir müssen …«

Das reicht, dachte Dan. Er zog ihr den Handschuh von der Hand und warf ihn quer durchs Zimmer. Das Klavier verstummte. Die Hummel-Figuren gaben ein letztes Klappern von sich und beruhigten sich dann. Eine war so weit an den Rand gerutscht, dass sie fast heruntergefallen wäre. Dave starrte seine Tochter mit offenem Mund an. John war aufgestanden, schien jedoch nicht in der Lage zu sein, auch nur einen Schritt vorwärts zu tun.

Dan nahm Abra bei den Schultern und schüttelte sie heftig. »Abra, komm raus da!«

Sie blickte ihn mit weit aufgerissenen, ziellos umherwandernden Augen an.

(komm zurück Abra es ist alles gut)

Ihre Schultern, die sie fast bis zu den Ohren hochgezogen hatte, entspannten sich allmählich. Die Augen sahen ihn wieder. Sie atmete tief aus und sank in den Arm ihres Vaters zurück, der sie festhielt. Der Kragen ihres T-Shirts war vom Schweiß dunkel gefärbt.

»Abby?«, fragte Dave. »Abba-Doo? Alles in Ordnung?«

»Ja, aber nenn mich nicht so.« Sie sog tief Luft ein und stieß sie dann mit einem langen Seufzer aus. »O mein Gott, das war ganz schön heftig.« Sie sah ihren Vater an. »Als ich vorhin Scheiße gesagt hab, war das nicht ich, das war einer von denen. Ich glaube, es war dieser Crow. Er ist der Anführer von denen, die kommen.«

Dan setzte sich neben Abra auf die Couch. »Geht’s dir wirklich wieder gut?«

»Ja. Jetzt schon. Aber den Handschuh da will ich nie wieder anfassen. Diese Typen sind nicht wie wir. Sie sehen wie Menschen aus, und ich glaube, das waren sie früher auch, aber jetzt denken sie wie Reptilien.«

»Du hast gesagt, Barry hat die Masern. Erinnerst du dich daran?«

»Barry, ja. Der, den sie Chink nennen. Ich erinnere mich an alles. Und ich verdurste.«

»Ich hole dir ein Glas Wasser«, sagte John.

»Nein, etwas mit Zucker drin. Bitte.«

»Im Kühlschrank ist Cola«, sagte Dave. Er streichelte Abra erst über die Haare, dann die Seite ihres Gesichts und schließlich den Nacken. Als wollte er sich vergewissern, dass sie noch da war.

Sie warteten, bis John mit einer Dose Coke wiederkam. Abra griff danach, trank gierig und rülpste. »’tschuldigung«, sagte sie und kicherte.

In seinem ganzen Leben war Dan noch nie so froh gewesen, jemand kichern zu hören. »John – bei Erwachsenen sind Masern doch gefährlicher als bei Kindern, stimmt’s?«

»Und ob. Sie können eine Lungenentzündung verursachen, in manchen Fällen sogar Erblindung durch Läsionen der Hornhaut.«

»Kann man daran sterben?«

»Durchaus, aber das ist selten.«

»Bei denen ist es anders, weil sie normalerweise nicht krank werden, glaube ich«, sagte Abra. »Aber Barry ist krank. Sie werden anhalten und ein Päckchen abholen. Das muss Medizin für ihn sein. Etwas, was man spritzen kann.«

»Du hast gesagt, er wird bald kreisen«, sagte Dave. »Was soll das bedeuten?«

»Keine Ahnung.«

»Wenn Barry krank ist, wird sie das wohl aufhalten?«, fragte John. »Werden sie vielleicht sogar umkehren und dahin zurückfahren, wo sie hergekommen sind?«

»Ich glaube nicht. Vielleicht haben die anderen sich schon bei Barry angesteckt und wissen das. Sie haben nichts zu verlieren und nur was zu gewinnen, hat dieser Crow gesagt.« Abra trank, dann umfasste sie die Dose mit beiden Händen und sah nacheinander die drei Männer an, zuletzt ihren Vater. »Sie wissen, wie unsere Straße heißt. Und meinen Namen kennen sie vielleicht auch. Möglicherweise haben sie sogar ein Bild von mir. Ich bin mir da nicht ganz sicher. Die Gedanken von Barry sind total durcheinander. Aber sie meinen … sie meinen, wenn ich keine Masern bekommen kann …«

»Dann könnte deine Essenz sie unter Umständen heilen«, sagte Dan. »Oder könnte zumindest als Impfung für die anderen dienen.«

»Also, Essenz nennen sie das nicht«, sagte Abra. »Sie nennen es Steam.«

Dave klatschte entschlossen in die Hände. »Das reicht. Ich rufe bei der Polizei an. Wir lassen diese Leute verhaften.«

»Das darfst du nicht.« Abra sprach mit der matten Stimme einer deprimierten Fünfzigjährigen. Tu, was du nicht lassen kannst, sagte diese Stimme. Aber ich warne dich.

Ihr Vater hatte schon sein Handy aus der Tasche gezogen, aber statt es aufzuklappen, hielt er es in der Hand. »Wieso nicht?«

»Sie haben eine gute Erklärung dafür, wieso sie nach New Hampshire fahren, und lauter ordentliche Ausweise. Außerdem sind sie reich. Richtig reich, so wie Banken und Ölfirmen und Walmart reich sind. Kann sein, dass sie erst mal verschwinden, aber sie werden zurückkommen. Sie kommen immer zurück, wenn sie was wollen. Sie töten Leute, die sich ihnen in den Weg stellen, und Leute, die versuchen, sie zu verraten, und wenn sie jemand Geld geben müssen, um sich irgendwo loszueisen, dann tun sie das eben.« Sie stellte ihre Cola auf den Couchtisch und schlang die Arme um ihren Vater. »Bitte, Daddy, sag es niemand. Ich würde lieber mit denen mitgehen, als dass sie Mama oder dir wehtun.«

»Aber momentan sind sie nur zu viert oder zu fünft«, sagte Dan.

»Stimmt.«

»Wo sind die anderen? Weißt du das jetzt?«

»Auf einem Campingplatz, der Bluebird heißt. Vielleicht auch Bluebell. Der gehört ihnen. In der Nähe ist eine Stadt. Dort ist auch der Supermarkt, der von Sam’s. Die Stadt heißt Sidewinder. Rose ist dort und die anderen Wahren. So nennen sie sich nämlich, den Wahren Kno… Dan? Was ist denn?«

Dan erwiderte nichts. Zumindest vorläufig war er völlig sprachlos. Er erinnerte sich daran, wie die Stimme von Dick Hallorann aus Eleanor Ouellettes totem Mund gekommen war. Er hatte Dick gefragt, wo die leeren Teufel seien, und jetzt ergab dessen Antwort einen Sinn.

In deiner Kindheit.

»Dan?« Das war John. Seine Stimme erklang wie aus weiter Ferne. »Du bist weiß wie ein Laken.«

Nun ergab alles einen merkwürdigen Sinn. Schon von Anfang an hatte er gewusst, dass das Hotel Overlook ein unheilvoller Ort war, noch bevor er es tatsächlich gesehen hatte. Nun war es verschwunden, niedergebrannt, aber wer hätte sagen mögen, dass das Böse, Unheilvolle dort ebenfalls verbrannt war? Er sicher nicht. Schließlich war er als Kind von den Geistern von Toten aufgesucht worden, die entkommen waren.

Dieser Campingplatz, der ihnen gehört – der steht da, wo früher das Hotel gestanden hat. Das weiß ich. Und früher oder später müssen sie dorthin zurück. Das weiß ich ebenfalls. Wahrscheinlich müssen sie das ziemlich bald. Aber zuerst …

»Es geht schon wieder«, sagte er.

»Willst du auch eine Cola?«, fragte Abra. »Zucker löst eine Menge Probleme. Glaube ich wenigstens.«

»Später. Ich habe eine Idee. Die ist zwar noch reichlich vage, aber wenn wir vier zusammenarbeiten, kann daraus vielleicht ein Plan werden.«

6

Snakebite Andi parkte im Lastwagenbereich einer Raststätte in der Nähe von Westfield, New York. Nut ging in den Laden, um Saft für Barry zu besorgen, der inzwischen Fieber und eine schmerzhafte Halsentzündung hatte. Während die anderen auf seine Rückkehr warteten, wählte Crow die Nummer von Rose. Sie hob schon beim ersten Läuten ab. Er informierte sie so knapp wie möglich, dann schwieg er.

»Was höre ich da eigentlich im Hintergrund?«, fragte sie.

Crow seufzte und rieb sich mit der Hand über die Bartstoppeln. »Das ist Jimmy Numbers. Er weint.«

»Sag ihm, er soll aufhören. Echte Kerle weinen nicht beim Baseballspielen.«

Crow gab das weiter, wobei er Rose’ eigenartigen Sinn für Humor aussparte. Jimmy, der damit beschäftigt war, Barry mit einem feuchten Tuch das Gesicht abzuwischen, schaffte es daraufhin, seine lauten und (das musste Crow zugeben) nervigen Schluchzer zu dämpfen.

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