»So ist es besser«, sagte Rose.
»Was sollen wir tun?«
»Moment, ich versuche gerade nachzudenken.«
Crow fand die Vorstellung, dass Rose versuchen musste nachzudenken, fast so beunruhigend wie die roten Flecke, die inzwischen überall auf Barrys Gesicht und Körper aufgetaucht waren, aber er gehorchte und hielt sich sein iPhone ans Ohr, ohne etwas zu sagen. Er schwitzte. War das Fieber, oder war es nur warm hier drin? Crow suchte seine Arme nach roten Flecken ab, sah jedoch keine. Noch nicht.
»Liegt ihr im Zeitplan?«, fragte Rose.
»Bisher ja. Wir sind sogar etwas früher dran.«
Es klopfte zweimal kurz hintereinander an der Tür. Andi warf einen Blick durchs Fenster, dann machte sie auf.
»Crow? Bist du noch dran?«
»Ja. Nut ist gerade zurückgekommen. Er hat Saft für Barry geholt. Der hat Halsschmerzen.«
»Versuch das mal«, sagte Walnut zu Barry und schraubte die Kappe ab. »Es ist Apfelsaft. Frisch aus dem Kühlschrank. Das wird deinem Hals richtig guttun.«
Barry stützte sich auf die Ellbogen und trank von der kleinen Glasflasche, die Nut ihm an die Lippen setzte. Crow konnte das kaum mit ansehen. Er hatte erlebt, wie kleine Lämmer auf dieselbe schwache, hilflose Weise aus der Flasche tranken.
»Kann er sprechen, Crow? Dann gib ihm das Telefon!«
Crow schob Jimmy mit dem Ellbogen beiseite und setzte sich neben Barry. »Rose. Sie will mit dir sprechen.«
Er versuchte, Barry das Telefon ans Ohr zu halten, aber der nahm es ihm aus der Hand. Der Saft oder das Aspirin, das Nut ihm aufgezwungen hatte, schien ihm ein wenig Kraft verliehen zu haben.
»Rose«, krächzte er. »Es tut mir leid, Darling.« Er lauschte, dann nickte er. »Ich weiß. Das kapiere ich. Ich …« Wieder lauschte er. »Nein, noch nicht, aber … ja. Doch, das kann ich. Mache ich. Ja. Ich liebe dich auch. Da ist er wieder.« Er reichte Crow das Telefon, dann ließ er sich auf seinen Kissenstapel zurückfallen. Der vorübergehende Kraftschub war erschöpft.
»Da bin ich«, sagte Crow.
»Ist er schon am Kreisen?«
Crow warf einen kurzen Blick auf Barry. »Nein.«
»Das ist ein Silberstreif am Horizont. Er sagt, er kann die Kleine immer noch lokalisieren. Falls er es doch nicht schafft, müsst ihr sie selber finden. Wir müssen dieses Mädchen in die Finger kriegen.«
Crow war bewusst, dass Rose die Kleine – vielleicht war es Julianne, vielleicht Emma, wahrscheinlich jedoch Abra – aus persönlichen Gründen haben wollte, und aus seiner Sicht reichte das aus, aber es stand mehr auf dem Spiel. Womöglich das weitere Überleben des Wahren Knotens. Als Crow sich hinten im Winnebago flüsternd mit Nut beraten hatte, hatte dieser gemeint, das Mädchen habe zwar wahrscheinlich nie die Masern gehabt, aber sein Steam könne die Wahren wegen den Impfungen, die es als Kleinkind erhalten habe, eventuell trotzdem schützen. Verlassen konnte man sich darauf nicht, aber es war zumindest wesentlich besser, als überhaupt keine Chance zu haben.
»Crow? Sag was, Süßer!«
»Wir werden sie finden.« Er warf dem Internet-Genie des Knotens einen kurzen Blick zu. »Jimmy hat die Suche auf drei Mädchen eingeschränkt, die alle nah beieinander wohnen. Wir haben Fotos von ihnen.«
»Das ist ja großartig!« Rose hielt kurz inne, und als sie weitersprach, klang ihre Stimme tiefer, wärmer und irgendwie ein ganz klein wenig zittrig. Die Vorstellung, dass Rose Angst hatte, fand Crow unerträglich, aber so war es wohl. Nicht um sich selbst hatte sie Angst, sondern um den Wahren Knoten, den zu beschützen ihre Pflicht war. »Du weißt, ich würde euch jetzt, wo Barry krank ist, nie weitermachen lassen, wenn ich mir nicht sicher wäre, dass es unbedingt notwendig ist.«
»Weiß ich.«
»Schnappt sie euch, setzt sie schachmatt, bringt sie hierher. Okay?«
»Okay.«
»Wenn ihr anderen auch noch krank werden solltet und den Eindruck habt, ihr müsst ein Flugzeug chartern, um es mit ihr hierherzuschaffen …«
»Dann tun wir das natürlich.« Vor dieser Aussicht graute Crow allerdings. Jeder von ihnen, der beim Besteigen des Flugzeugs nicht krank war, würde es beim Aussteigen sein – Gleichgewichtsstörungen, mindestens einen Monat lang Hörschwierigkeiten, Lähmungserscheinungen, Erbrechen. Außerdem wurden alle Flüge dokumentiert. Nicht gerade gut für Passagiere, die ein unter Drogen gesetztes, gekidnapptes Mädchen eskortierten. Dennoch: Wenn es sein musste, dann musste es eben sein.
»Zeit zum Aufbruch«, sagte Rose. »Kümmere dich um meinen Barry, Großer. Um die anderen auch!«
»Ist bei euch alles in Ordnung?«
»Klar«, sagte Rose und legte auf, bevor er ihr weitere Fragen stellen konnte. Das war okay. Manchmal brauchte man keine Telepathie, um beurteilen zu können, ob jemand log. Selbst Tölpel wussten das.
Er warf sein Telefon auf den Tisch und klatschte forsch in die Hände. »Also, treten wir aufs Gas. Nächster Halt Sturbridge, Massachusetts. Nut, du bleibst bei Barry. Die nächsten sechs Stunden fahre ich, und dann bist du an der Reihe, Jimmy.«
»Ich will nach Hause«, sagte Jimmy Numbers missmutig. Er wollte noch etwas hinzufügen, aber bevor er dazu kam, packte ihn eine heiße Hand am Handgelenk.
»Wir haben keine Wahl«, sagte Barry. Seine Augen glänzten fiebrig, aber sein wacher Blick wirkte normal. In diesem Moment war Crow sehr stolz auf ihn. »Nicht die geringste Wahl, du Computerfreak, also reiß dich zusammen. Der Wahre Knoten steht an oberster Stelle. Immer.«
Crow setzte sich ans Lenkrad und drehte den Zündschlüssel. »Jimmy«, sagte er. »Setz dich kurz zu mir. Hab was zu besprechen.«
Jimmy Numbers kletterte auf den Beifahrersitz.
»Diese drei Mädchen, wie alt sind die? Weißt du das?«
»Das und noch allerhand anderes. Als ich die Bilder besorgt hab, hab ich die von der Schule gespeicherten Daten über sie gehackt. Wenn schon, denn schon, oder? Deane und Cross sind vierzehn. Die kleine Stone ist ein Jahr jünger. Sie hat in der Grundschule eine Klasse übersprungen.«
»Das könnte ein Hinweis auf Steam sein«, sagte Crow.
»Glaube ich auch.«
»Und sie wohnen alle in demselben Viertel.«
»Korrekt.«
»Das wiederum dürfte ein Hinweis darauf sein, dass sie befreundet sind.«
Obwohl Jimmys Augen noch vom Weinen angeschwollen waren, lachte er auf. »Tja, wie das unter Mädchen so ist. Wahrscheinlich benutzen alle drei dieselbe Sorte Lippenstift und himmeln dieselben Bands an. Aber worauf willst du hinaus?«
»Auf gar nichts«, sagte Crow. »Wollte mich nur informieren. Information ist Macht, heißt es schließlich.«
Zwei Minuten später fädelte der Winnebago von Steamhead Steve sich wieder auf die Interstate 90 ein. Als der Tacho auf fünfundsechzig stand, schaltete Crow den Tempomaten ein und ließ den Wagen dahinrollen.
7
Dan legte kurz dar, was er im Sinn hatte, und wartete dann auf die Antwort von Dave Stone. Der saß lange einfach neben seiner Tochter, mit gesenktem Kopf und zwischen den Knien gefalteten Händen.
»Daddy?«, hakte Abra nach. »Bitte sag etwas.«
Dave hob den Kopf und sagte: »Wer will ein Bier?«
Dan und John tauschten einen irritierten Blick und lehnten dankend ab.
»Also, ich will eins. Ein doppelter Jack Daniel’s wäre mir zwar lieber, aber ich gebe auch ohne euren Kommentar gern zu, dass es heute Abend keine gute Idee sein dürfte, mir Whiskey hinter die Binde zu kippen.«
»Ich hol dir eins.«
Abra lief in die Küche. Sie hörten das Ploppen des Verschlusses und das Zischen von Kohlensäure – Geräusche, die bei Dan Erinnerungen weckten, von denen viele trügerisch glücklich waren. Außerdem meldete sich natürlich der Durst. Abra kam mit einer Dose Coors und einem Pilsglas wieder.
»Darf ich dir eingießen?«
»Nur zu.«
Mit fasziniertem Schweigen beobachteten Dan und John, wie Abra das Glas neigte und das Bier am Rand entlanglaufen ließ, damit möglichst wenig Schaum entstand. Das tat sie mit dem beiläufigen Geschick einer guten Barkeeperin. Sie reichte ihrem Vater das Glas und stellte die Dose neben ihn auf einen Untersetzer. Dave nahm einen tiefen Schluck, seufzte, schloss die Augen und öffnete sie wieder.
»Das tut gut«, sagte er.
Kann ich mir vorstellen, dachte Dan und sah, wie Abra ihn beobachtete. Ihr normalerweise so offenes Gesicht war undurchdringlich, und im Moment konnte er die Gedanken dahinter nicht lesen.
»Was Sie da vorschlagen, ist verrückt, aber es hat gewisse Reize«, sagte Dave. »Vor allem wäre das die Chance, dass ich diese … Kreaturen … mit eigenen Augen sehe. Das ist wahrscheinlich nötig, denn trotz allem, was ihr mir erzählt habt, kann ich unmöglich glauben, dass es sie wirklich gibt. Trotz diesem Handschuh und der Leiche, die ihr, wie ihr sagt, gefunden habt.«
Abra öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Ihr Vater hob die Hand.
»Ich glaube durchaus, dass ihr an diese Dinge glaubt«, fuhr er fort. »Ihr alle drei. Und ich bin auch bereit zu glauben, dass eine Gruppe gefährlich geistesgestörter Individuen möglicherweise – ich sage möglicherweise – hinter meiner Tochter her ist. Deshalb würde ich bei Ihrem Plan mitmachen, Dan, aber nur, wenn Abra nicht mit reingezogen wird. Ich werde meine Tochter nicht als Köder zur Verfügung stellen.«
»Das müssen Sie auch nicht«, sagte Dan. Er erinnerte sich, wie er durch Abras Anwesenheit an der Rampe der Ethanolfabrik in einen menschlichen Spürhund verwandelt worden war und wie sein Blick sich geschärft hatte, als Abras Augen in seinem Kopf aufgegangen waren. Er hatte sogar ihre Tränen geweint, obwohl das durch keinen DNA-Test hätte nachgewiesen werden können.