Doctor Sleep - Страница 75


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Zwar nahm Abra am Rande wahr, dass Emma ihr Buch beiseitelegte und sie fragte, ob sie Lust habe, mit ihr ein bisschen in den Garten zu gehen, aber vor allem war sie bei Dan: Sie sah durch seine Augen und spürte seine Hände und Füße an den Hebeln und auf den Pedalen der kleinen Lokomotive, von der die Helen Rivington gezogen wurde; sie schmeckte das Schinkensandwich, das er aß, und die Limonade, mit der er den letzten Bissen hinunterspülte. Wenn Dan mit ihrem Vater sprach, so war es eigentlich Abra, von der die Worte kamen. Und Dr. John? Der saß ganz hinten im Zug, weshalb er praktisch nicht vorhanden war. Nur sie beide waren im Zug, Vater und Tochter, die sich nach den schlechten Nachrichten über Momo gegenseitig trösteten, so innig, wie es nur möglich war.

Gelegentlich wandten ihre Gedanken sich der Frau mit dem Hut zu, die den Baseballjungen gefoltert hatte, bis er gestorben war, um dann mit ihrem entstellten, gierigen Mund sein Blut aufzulecken. Dagegen konnte Abra nichts tun, wusste jedoch nicht recht, ob es darauf ankam. Wenn Barry wahrnahm, was sie gerade dachte, konnte es ihn eigentlich nicht überraschen, dass sie Angst vor Rose hatte, oder?

Wäre der Finder des Wahren Knotens gesund gewesen, so hätte sie ihn wohl nicht hinters Licht führen können, aber Barry war sehr, sehr krank. Er merkte nicht, dass sie Rose beim Namen kannte. Er wunderte sich nicht einmal, dass ein Mädchen, das erst 2015 den Führerschein machen durfte, die Teenytown-Eisenbahn durch den Wald westlich von Frazier steuerte. Hätte es ihn gewundert, so hätte er wohl angenommen, dass der Zug im Grunde gar keinen Lokführer brauchte.

Weil er meint, es ist ein Spielzeug.

»… Scrabble?«

»Hm?« Sie blickte sich nach Emma um, zuerst nicht einmal sicher, wo sie sich überhaupt befand. Dann sah sie, dass sie einen Basketball in den Händen hielt. Okay, im Garten. Sie spielten H-O-R-S-E.

»Ich hab gefragt, ob du lieber mit mir und meiner Mama Scrabble spielen willst, weil das hier total öde ist.«

»Du gewinnst, stimmt’s?«

»Hallo? Alle drei Spiele. Bist du überhaupt richtig da?«

»’tschuldigung, ich hab mir bloß Sorgen wegen meiner Momo gemacht. Scrabble klingt gut.« Es klang sogar super. Emma und ihre Mutter waren die langsamsten Scrabble-Spieler im bekannten Universum und hätten lautstark protestiert, wenn man vorgeschlagen hätte, mit einem Timer zu spielen. Dadurch hatte Abra mehr als genug Gelegenheit, ihre Anwesenheit hier weiterhin auf ein Minimum zu beschränken. Barry war krank, aber er war noch nicht tot, und wenn er spitzkriegte, dass Abra ihn mit einer Art telepathischer Bauchrednerei foppte, konnte das schlimm ausgehen. Dann fand er nämlich vielleicht heraus, wo sie gerade wirklich steckte.

Jetzt dauert es nicht mehr lange. Bald werden sie aufeinanderstoßen. Lieber Gott, lass es gut ausgehen.

Während Emma im Spielzimmer das auf dem Tisch liegende Zeug wegräumte und Mrs. Deane das Spiel aufbaute, verzog Abra sich auf die Toilette. Da musste sie tatsächlich hin, aber zuerst machte sie einen kurzen Abstecher ins Wohnzimmer, um aus dem Erkerfenster zu spähen. Auf der anderen Straßenseite stand Billys Pick-up. Als er sah, wie sich die Vorhänge bewegten, hob er kurz den Daumen. Abra erwiderte die Geste. Dann ging der kleine Teil von ihr, der sich im Haus befand, auf die Toilette, während der Rest in der Lokomotive der Helen Rivington saß.

Wir essen unser Picknick, sammeln den Abfall ein, betrachten den Sonnenuntergang, und dann fahren wir zurück.

(essen unser Picknick sammeln den Abfall ein betrachten den Sonnenuntergang und dann)

Etwas Unangenehmes und Unerwartetes brach in ihre Gedanken ein, so heftig, dass ihr Kopf zurückzuckte. Ein Mann und zwei Frauen. Der Mann hatte einen Adler auf dem Rücken, die Frauen trugen beide ein Arschgeweih. Die Tattoos konnte Abra sehen, weil die drei nackt waren und neben einem Pool Sex hatten, während dämliche alte Discomusik spielte. Die Frauen gaben ständig ein künstliches Stöhnen von sich. Worauf zum Teufel war sie denn da gestoßen?

Der Schock über das, was diese Leute taten, zerstörte ihren heiklen Balanceakt, und einen Moment lang war Abra ganz an einem Ort, ganz da. Vorsichtig blickte sie wieder hin und sah, dass die Leute am Pool ganz verschwommen waren. Nicht echt. Fast wie Geisterleute. Und weshalb? Weil Barry fast selber eine Art Geist war und kein Interesse daran hatte, Leute zu beobachten, die Sex an einem …

Diese Leute sind nicht an einem Pool, sie sind im Fernseher.

Wusste Barry the Chink, dass sie ihn beobachtete, wie er sich einen Pornofilm im Fernsehen ansah? Er und die anderen? Abra war sich nicht sicher, aber sie glaubte, eher nicht. Allerdings hatten sie mit der Möglichkeit gerechnet. O ja. Sie wollten Abra gegebenenfalls so schocken, dass sie sich zurückzog, sich verriet oder beides.

»Abra, wo bleibst du?«, rief Emma. »Wir können jetzt anfangen zu spielen!«

Wir spielen schon, und es ist ein wesentlich spannenderes Spiel als Scrabble.

Sie musste ihr Gleichgewicht wiedergewinnen, und zwar schnell. Weg mit dem Fernsehporno und der dämlichen Discomusik. Sie saß in der kleinen Eisenbahn. Sie steuerte den kleinen Zug. Das fand sie ganz besonders toll. Es machte einen Riesenspaß.

Wir werden essen, wir werden unseren Abfall einsammeln, wir werden den Sonnenuntergang anschauen, und dann fahren wir zurück. Ich habe Angst vor der Frau mit dem Hut, aber nicht zu sehr, weil ich nicht zu Hause bin, sondern mit meinem Dad zum Wolkentor fahre.

»Abra! Bist du ins Klo gefallen?«

»Ich komme!«, rief sie. »Will mir bloß noch kurz die Hände waschen!«

Ich bin mit meinem Dad zusammen. Ich bin mit meinem Dad zusammen, sonst nichts.

Abra sah sich im Spiegel an. »Halt diesen Gedanken fest«, flüsterte sie.

3

Jimmy Numbers saß am Lenkrad, als sie auf den Rastplatz von Bretton Woods einbogen, von dem es nicht mehr weit bis nach Anniston war, der Stadt, in der dieses nervige Mädchen lebte. Nur war sie gerade nicht da. Laut Barry befand sich die Kleine in einer Stadt namens Frazier, die etwas weiter südöstlich lag. Bei einem Picknick mit ihrem Dad. Sie hatte Reißaus genommen, aber das würde ihr nicht viel nützen.

Snakebite Andi schob das erste Video in den DVD-Player. Es trug den Titel Kennys Abenteuer am Swimmingpool. »Wenn die Kleine das sieht, kann sie ’ne Menge lernen«, sagte sie und drückte die Playtaste.

Nut saß neben Barry und flößte ihm weiteren Saft ein … wenn das gerade möglich war. Barry war jetzt richtig am Kreisen. Er hatte wenig Interesse an Saft und überhaupt keines an dem Getümmel am Pool. Auf den Bildschirm blickte er nur, weil Rose es ihm befohlen hatte. Jedes Mal wenn er in seinen festen Zustand zurückkehrte, stöhnte er lauter.

»Crow«, sagte er. »Komm mal her, Daddy.«

Sofort war Crow bei ihm und schob Walnut mit dem Ellbogen beiseite.

»Beug dich zu mir«, flüsterte Barry, und – nach einem bangen Moment – tat Crow, worum er gebeten worden war. Er ergriff sogar Barrys Hand, obwohl man sich leicht vorstellen konnte, dass die von Tölpelkeimen wimmelte.

Barry öffnete den Mund, aber bevor er etwas sagen konnte, begann der nächste Zyklus. Seine Haut wurde milchig und dann so dünn, dass sie transparent aussah. Crow konnte die zusammengebissenen Zähne sehen, die Höhlen der von Schmerz erfüllten Augen und – das war am schlimmsten – die schattigen Furchen und Wölbungen des Gehirns. Er wartete, in seinen Fingern eine Hand, die keine Hand mehr war, sondern nur noch ein Knochengeflecht. Irgendwo in weiter Ferne spielte diese beschissene Discomusik immer weiter. Die müssen auf Drogen sein, dachte Crow. Sonst könnten sie bei der Musik unmöglich ficken.

Langsam, ganz langsam stabilisierte Barry the Chink sich wieder. Diesmal schrie er auf, als er zurückkam, und packte Crows Hand fester. Auf seiner Stirn stand der Schweiß zwischen den roten Flecken, die nun so hell waren, dass sie wie Blutstropfen aussahen.

Er befeuchtete die Lippen mit der Zunge und sagte dann: »Hör zu.«

Crow hörte zu.

4

Dan versuchte, seine Gedanken so gut wie möglich zu leeren, damit Abra sie füllen konnte. Er hatte die Riv oft genug zum Wolkentor gesteuert, dass er das praktisch im Schlaf tun konnte, und John saß mit den Waffen (zwei automatischen Pistolen und Billys Jagdflinte) im letzten Wagen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Zumindest fast. Selbst wenn man schlief, konnte man sich nicht vollständig verlieren, aber Abras Gegenwart war so stark, dass es ihm irgendwie Angst machte. Wenn sie lange genug in seinem Kopf blieb und mit ihrer derzeitigen Intensität sendete, besorgte er sich beim nächsten Einkaufsbummel womöglich schicke Sandälchen und passende Accessoires. Und schwärmte für die coolen Jungs von ’Round Here, Abras liebster Boygroup.

Im letzten Augenblick hatte sie noch darauf bestanden, dass er Hoppy, ihren alten Stoffhasen, mitnahm. »Dann hab ich etwas, worauf ich mich konzentrieren kann«, hatte sie gesagt – ohne zu wissen, dass ein nicht richtig menschlicher Gentleman mit dem Tölpelnamen Barry Smith das nur zu gut verstanden hätte. Den Trick hatte er nämlich von Grampa Flick gelernt und schon oft angewendet.

Hilfreich war auch, dass Dan von Dave Stone unablässig mit Familiengeschichten gefüttert wurde, die Abra größtenteils noch nie gehört hatte. Dennoch hätte das alles eventuell nichts genützt, wenn der Kerl, der den Auftrag hatte, Abra zu finden, nicht krank gewesen wäre.

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