Doctor Sleep - Страница 76


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»Sind die anderen nicht ebenfalls in der Lage, dich zu lokalisieren?«, hatte er sie gefragt.

»Die Frau mit dem Hut schon, obwohl sie so weit weg ist, aber die hält sich raus.« Wieder hatte dieses beunruhigende Lächeln um Abras Lippen gespielt und die Spitzen ihrer Zähne entblößt. Es ließ sie wesentlich älter aussehen. »Rose hat Angst vor mir.«

Abra war nicht ständig in Dans Kopf anwesend. Ab und zu spürte er, wie sie ihn verließ, um anderswo hinzugehen. Dann tastete sie sehr, sehr vorsichtig nach dem Mann, der einmal so töricht gewesen war, sich Bradley Trevors Baseballhandschuh anzuziehen. Nachdem der Stoßtrupp der Wahren von der Schnellstraße abgebogen war, hatte er in einer Stadt namens Starbridge angehalten, teilte sie Dan mit (der sich ziemlich sicher war, dass sie Sturbridge meinte). Nun bewegte er sich über kleinere Straßen auf das helle Leuchtfeuer von Abras Bewusstsein zu. Später hatten die Verfolger an einem Café haltgemacht, um etwas zu essen. Auf dieser letzten Etappe hatten sie keine Eile. Sie glaubten jetzt zu wissen, wo Abra gerade hinfuhr, und waren gern bereit, sie dort ankommen zu lassen, weil das Wolkentor ein abgeschiedener Ort war. Sie erwarteten, deshalb leichteres Spiel zu haben, was gut war, aber diesen Eindruck aufrechtzuerhalten war eine heikle Sache, vergleichbar mit einer Art telepathischer Laserchirurgie.

Einen Moment lang war Dan beunruhigt gewesen, weil ein pornografisches Bild – Gruppensex an einem Swimmingpool – in ihm aufgetaucht war. Es war jedoch gleich wieder verschwunden. Wahrscheinlich hatte er einen Blick in Abras Unbewusstes erhascht, wo – wenn man Sigmund Freud Glauben schenkte – allerhand urtümliche Bilder lauerten. Diese Vermutung würde er später bedauern, sich jedoch keine Vorwürfe deshalb machen; sein Grundsatz war eben, nicht in den Privatangelegenheiten anderer Leute herumzuschnüffeln.

Mit einer Hand hielt Dan das Steuerhorn der Riv, die andere lag auf dem abgewetzten Stoffhasen in seinem Schoß. Auf beiden Seiten zog dichter, nun allmählich in bunten Farben leuchtender Wald vorüber. Auf dem Sitz neben ihm, dem sogenannten Schaffnersitz, erzählte Dave seiner Tochter eine Familiengeschichte nach der anderen, wobei er mehr als eine Leiche aus dem Keller holte.

»Als deine Mama gestern Morgen anrief, hat sie mir von einem Koffer erzählt, den sie im Keller von Momos Haus gefunden hat. Darauf steht Alessandra. Du weißt doch, wer das ist, oder?«

»Oma Sandy«, sagte Dan. Mensch, selbst seine Stimme hörte sich höher an. Jünger.

»Genau. Ich will dir jetzt mal was erzählen, was du wahrscheinlich noch nicht weißt, und wenn das der Fall sein sollte, hast du es nicht von mir gehört. Klar?«

»Natürlich, Daddy.« Dan spürte, wie seine Mundwinkel sich nach oben zogen, weil Abra in Emmas Haus über ihren aktuellen Vorrat an Scrabble-Steinen schmunzelte: SPROLTZ.

»Deine Oma Sandy hat in Albany an der State University von New York ihren Abschluss als Lehrerin gemacht und dann an einer teuren Privatschule ein Praktikum angefangen. Irgendwo in Vermont, Massachusetts oder New Hampshire, ich hab vergessen, wo. Als sie gerade mal die Hälfte ihrer acht Wochen hinter sich hatte, hat sie das Handtuch geworfen. Sie ist aber noch eine Weile dort geblieben. Hat vielleicht einen Job gehabt, als Kellnerin oder so. Auf jeden Fall ist sie auf viele Konzerte und Partys gegangen. Sie hat sich eben gern …«

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(verlustiert)

Bei diesem Ausdruck dachte Abra an die drei Lustmolche am Swimmingpool, die sich bei alter Discomusik verlustiert hatten. Pfui Teufel. Manche Leute hatten eine äußerst merkwürdige Vorstellung davon, was lustig war.

»Abra?« Das war Mrs. Deane. »Du bist dran, Liebes.«

Wenn sie noch lange so weitermachen musste, bekam sie einen Nervenzusammenbruch. Allein zu Hause wäre es wesentlich leichter gewesen. Das hatte sie ihrem Vater auch vorgeschlagen, aber der hatte nichts davon hören wollen. Nicht einmal wenn Mr. Freeman sie bewachte.

Sie verwendete ein I auf dem Brett, um SPRIT zu legen.

»Danke, Abba-Doofi, da wollte ich hin«, sagte Emma. Sie drehte das Brett mit der Schrift zu sich und begann es mit Knopfaugen zu studieren, als säße sie bei einer Abschlussprüfung. Bestimmt ging das mindestens fünf Minuten so weiter. Vielleicht sogar zehn. Anschließend legte sie dann wahrscheinlich etwas total Langweiliges wie ROT oder TOR.

Abba kehrte in die Riv zurück. Was ihr Vater gerade erzählte, war ziemlich interessant, wenngleich sie mehr darüber wusste, als er dachte.

(Abby? hörst du)

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»Abby? Hörst du mir überhaupt zu?«

»Klar«, sagte Dan. Ich musste bloß mal eine kleine Pause machen, damit ich ein Wort legen kann. »Das finde ich echt interessant.«

»Jedenfalls wohnte Momo damals in Manhattan, und als Alessandra im Juni zu Besuch kam, war sie schwanger.«

»Schwanger mit Mama?«

»Ganz recht, Abba-Doo.«

»Also wurde Mama unehelich geboren?«

Das klang völlig überrascht, vielleicht sogar ein winziges bisschen übertrieben. Dan, der sich in der eigenartigen Position befand, an dem Gespräch sowohl teilzunehmen wie es zu belauschen, erkannte etwas, was er gleichermaßen anrührend wie komisch fand: Abra wusste sehr gut, dass ihre Mutter ein außereheliches Kind war. Das hatte Lucy ihr schon vor einem Jahr erzählt. So merkwürdig es war, Abra nahm gerade Rücksicht auf die Ahnungslosigkeit ihres Vaters.

»So ist es, Schatz. Aber das ist kein Verbrechen. Manchmal ist man eben … wie soll ich sagen … ein bisschen durcheinander. Deshalb können an einem Familienstammbaum merkwürdige Äste wachsen, und es gibt keinen Grund, wieso du das nicht wissen solltest.«

»Oma Sandy ist einige Monate nach Mamas Geburt gestorben, stimmt’s? Bei einem Autounfall?«

»Ja, das stimmt. An jenem Nachmittag hat Momo auf Lucy aufgepasst, und dann hat sie sie großgezogen. Das ist der Grund, weshalb sich die beiden so nahestehen und warum es so schwer für deine Mama ist, dass Momo alt und krank geworden ist.«

»Wer war denn der Mann, von dem Oma Sandy schwanger geworden ist? Hat sie das mal erzählt?«

»Gute Frage«, sagte Dave. »Aber wenn Alessandra es tatsächlich mal verraten hat, dann hat Momo es für sich behalten.« Er hob den Arm und deutete auf die schmale Straße, die durch den Wald führte. »Sieh mal, Schatz, gleich sind wir da!«

Sie kamen an einem Schild vorbei, das über die Entfernung bis zum Picknickplatz am Wolkentor informierte. Es waren noch zwei Meilen.

7

In Anniston machte Crows Stoßtrupp kurz halt, um den Winnebago aufzutanken, aber nicht in der Nähe vom Richland Court, sondern mindestens eine Meile davon entfernt am unteren Ende der Main Street. Während sie die Stadt wieder verließen – mit Snakebite Andi am Steuer und einem Epos mit dem Titel Studentinnen im Swinger-Paradies im DVD-Player –, rief Barry Jimmy Numbers an sein Bett.

»Ihr müsst jetzt Tempo machen«, sagte Barry. »Sie sind gleich da. Der Ort heißt Wolkentor. Hab ich euch das schon gesagt?«

»Ja, hast du.« Jimmy hätte Barry fast die Hand getätschelt, überlegte es sich jedoch anders.

»Dann haben sie bald ihr Picknick ausgepackt. In dem Moment solltet ihr zuschlagen – wenn sie sich hingesetzt haben und am Essen sind.«

»Das schaffen wir schon«, versprach Jimmy. »So rechtzeitig, dass wir der Kleinen genügend Steam abzapfen können, um dir zu helfen. Da kann Rose nichts dagegen haben.«

»Natürlich nicht«, sagte Barry. »Aber für mich ist es zu spät. Für euch möglicherweise noch nicht.«

»Wieso?«

»Schau dir mal deine Arme an.«

Das tat Jimmy und sah auf der zarten, weißen Haut an der Innenseite seiner Ellbogen die ersten Flecke aufblühen. Der rote Tod. Bei diesem Anblick bekam er einen trockenen Mund.

»O Gott, jetzt ist es vorbei«, stöhnte Barry, und plötzlich sanken seine Klamotten auf einen Körper, der nicht mehr da war. Jimmy sah ihn schlucken … und dann war seine Kehle verschwunden.

»Weg da«, sagte Nut. »Lass mich zu ihm.«

»So? Was willst du denn tun? Der ist erledigt.«

Jimmy ging nach vorn und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen, den Crow geräumt hatte. »Nimm die Route 14-A, das ist die Umfahrung von Frazier«, sagte er. »Geht schneller, als mitten durch die Stadt zu gurken. Wir stoßen dann auf die Saco River Road …«

Andi tippte auf das Navi. »Hab ich alles schon einprogrammiert. Meinst du, ich bin blind oder bloß dämlich?«

Jimmy hörte sie kaum. Er wusste nur, dass er nicht sterben durfte. Er war zu jung zum Sterben, nicht zuletzt deshalb, weil in nächster Zeit unglaubliche Entwicklungen im Internet zu erwarten waren. Und die Vorstellung zu kreisen, die brutalen Schmerzen jedes Mal, wenn man zurückkam …

Nein. Nein. Auf gar keinen Fall. Unmöglich.

Das späte Nachmittagslicht fiel schräg durch die Windschutzscheibe des Winnebagos. Wunderschönes Herbstlicht. Der Herbst war Jimmys liebste Jahreszeit, und er hatte vor, noch am Leben zu sein und mit dem Wahren Knoten durchs Land zu reisen, wenn diese Jahreszeit das nächste Mal kam. Das übernächste Mal. Und das überübernächste. Glücklicherweise war er bei den richtigen Leuten, um das zu schaffen. Crow Daddy war tapfer, einfallsreich und gerissen. Die Wahren hatten schon härtere Zeiten erlebt. Crow würde sie erfolgreich auch durch diese Krise führen.

»Achte auf das Schild, das an der Abzweigung zum Picknickplatz steht. Verpass es nicht. Barry sagt, die sind gleich dort.«

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