Doctor Sleep - Страница 77


К оглавлению

77

»Jimmy, du machst mich kirre«, sagte Andi. »Setz dich nach hinten. Wir sind in einer Stunde da, vielleicht schon früher.«

»Tritt aufs Gas«, sagte Jimmy Numbers.

Snakebite Andi grinste und tat es.

Sie bogen gerade in die Saco River Road ein, als Barry the Chink auskreiste. Übrig blieben nur seine Kleider. Die waren immer noch warm von dem Fieber, das ihn verzehrt hatte.

8

(Barry ist tot)

In diesem Gedanken lag keinerlei Grauen, als er Dan erreichte. Und auch kein Quentchen Mitgefühl. Nur Befriedigung. Abra Stone mochte zwar wie ein gewöhnliches amerikanisches Mädchen aussehen, hübscher als viele andere und gescheiter als die meisten, aber wenn man unter die Oberfläche blickte – wobei man nicht sehr tief gehen musste –, dann war da eine junge Wikingerin mit einer grimmigen und blutdürstigen Seele. Schade, dachte Dan, dass sie keine Geschwister bekommen hat. Die hätte sie unter Einsatz ihres eigenen Lebens beschützt.

Dan legte den niedrigsten Gang ein, als die Riv den dichten Wald verließ und einen mit einem Zaun gesicherten Abhang entlangfuhr. In der Tiefe leuchtete der Saco in der untergehenden Sonne wie golden. Die Bäume, die auf den steil abfallenden Ufern des Flusses standen, waren ein Feuerwerk aus satten Orange-, Rot-, Gelb- und Purpurtönen. Darüber trieben Schäfchenwolken hinweg, scheinbar so nah, sie berühren zu können.

An dem Schild mit der Aufschrift STATION WOLKENTOR brachte Dan den Zug mit schnaufenden Luftdruckbremsen zum Stehen, dann stellte er den Dieselmotor ab. Einen Moment lang hatte er keine Ahnung, was er sagen sollte, aber dann sagte Abra es an seiner Stelle mit seinem Mund. »Danke, dass ich am Steuer sitzen durfte, Daddy! Jetzt hab ich richtig Lust auf unser Holz.« Im Haus der Deanes hatte Abra dieses Wort gerade aufs Brett gelegt. »Auf unser Picknick, meine ich.«

»Nach dem ganzen Zeug, das du auf der Fahrt gefuttert hast, kann ich kaum glauben, dass du Hunger hast«, neckte Dave sie.

»Hab ich aber. Bist du nicht froh, dass ich nicht magersüchtig bin?«

»Doch«, sagte Dave. »Das bin ich tatsächlich.«

Aus den Augenwinkeln sah Dan, wie John Dalton mit gesenktem Blick über die Lichtung ging. Seine Füße bewegten sich lautlos über den weichen Waldboden. In einer Hand hatte er eine Pistole, in der anderen Billy Freemans Flinte. Nachdem er einen kurzen Blick zurückgeworfen hatte, verschwand er zwischen den Bäumen, die den kleinen Parkplatz für motorisierte Besucher begrenzten. Im Sommer wären der Parkplatz und sämtliche Picknicktische belegt gewesen. An diesem Septembernachmittag mitten in der Woche waren sie die einzigen am Wolkentor.

Dave sah Dan an. Der nickte. Abras Vater – eigentlich agnostisch veranlagt, aber katholisch verheiratet – schlug in der Luft das Kreuz, dann folgte er John in den Wald.

»Es ist so schön hier, Daddy«, sagte Dan. Seine unsichtbare Begleiterin sprach nun zu Hoppy, denn sonst war niemand mehr da. Dan setzte den abgewetzten, einäugigen Hasen auf einen der Tische, dann ging er zum ersten Wagen, um den Picknickkorb zu holen. »Schon okay«, sagte er zu der leeren Lichtung. »Ich kann ihn holen, Daddy.«

9

Im Haus der Deanes schob Abra den Stuhl zurück und stand auf. »Ich muss noch mal auf die Toilette. Mir ist furchtbar übel. Und danach gehe ich lieber nach Hause.«

Emma verdrehte die Augen, aber Mrs. Deane war voller Anteilnahme. »Ach, Liebes, hast du etwa deine … Du weißt schon.«

»Ja, und es ist ziemlich schlimm.«

»Hast du alles, was du brauchst?«

»In meinem Rucksack. Es geht schon. Tut mir leid.«

»Das lieb ich«, sagte Emma. »Einfach aufhören, wenn man am Gewinnen ist.«

»Em-ma!«, rief ihre Mutter.

»Ist schon okay, Mrs. Deane. Sie hat mich beim Basketball geschlagen.« Abra stieg die Treppe hoch, wobei sie sich eine Hand an den Bauch drückte, was hoffentlich nicht zu sehr nach Schmu aussah. Sie warf wieder einen Blick aus dem Fenster und sah den Pick-up von Mr. Freeman, verzichtete diesmal jedoch darauf, ihm ein Zeichen zu geben. Sobald sie im Bad war, verriegelte sie die Tür und setzte sich auf den geschlossenen Toilettendeckel. Es war eine ungeheure Erleichterung, nun nicht mehr mit so vielen verschiedenen Versionen ihrer selbst jonglieren zu müssen. Barry war tot, Emma und ihre Mutter waren im Erdgeschoss; nun ging es nur noch um die Abra hier im Badezimmer und die Abra am Wolkentor. Sie schloss die Augen.

(Dan)

(ich bin da)

(du musst nicht mehr so tun als wärst du ich)

Sie spürte seine Erleichterung und lächelte. Onkel Dan hatte sich alle Mühe gegeben, war aber nun einmal kein Mädchen.

Ein leises, zögerliches Klopfen an der Tür. »Abra?« Es war Emma. »Alles in Ordnung? Tut mir leid, dass ich gemein gewesen bin.«

»Mir geht’s ganz gut, aber ich will nach Hause, eine Ibuprofen nehmen und mich ins Bett legen.«

»Ich dachte, du bleibst über Nacht?«

»Ach, muss nicht sein.«

»Ist dein Dad nicht weggefahren?«

»Ich schließe einfach alle Türen ab, bis er zurückkommt.«

»Tja … soll ich dich dann wenigstens nach Hause bringen?«

»Nicht nötig.«

Sie wollte allein sein, damit sie ungestört jubeln konnte, wenn Dan, ihr Vater und Dr. John diese Dinger erledigten. Das würden sie nämlich tun. Da Barry nun tot war, waren die anderen blind. Nichts konnte mehr schiefgehen.

10

Kein Windhauch brachte die trockenen Blätter zum Rascheln, und da der Motor der Riv abgestellt war, herrschte Stille auf dem Picknickplatz am Wolkentor. Man hörte nur das gedämpfte Murmeln des Flusses unten, das Schreien einer Krähe und das Motorengeräusch eines näher kommenden Fahrzeugs. Das waren sie. Die Leute, die von der Frau mit dem Hut geschickt worden waren. Von Rose. Dan klappte einen der zwei Deckel des Picknickkorbs auf, griff hinein und schloss die Hand um die Glock .22, die Billy ihm besorgt hatte – aus welcher Quelle, wusste Dan nicht, und es war ihm auch egal. Wichtig war nur, dass man damit fünfzehn Schüsse abgeben konnte, ohne nachzuladen, und falls fünfzehn Schüsse nicht ausreichten, war er geliefert. Eine gespenstische Erinnerung an seinen Vater tauchte in ihm auf. Jack Torrance setzte sein überaus charmantes schiefes Grinsen auf und sagte: Wenn das nicht klappt, fällt mir auch nichts mehr ein. Dan blickte auf Abras alten Stoffhasen.

»Bereit, Hoppy? Das hoffe ich. Hoffentlich sind wir es beide.«

11

Billy Freeman saß zusammengesunken am Lenkrad seines Pick-ups, setzte sich jedoch eilends auf, als Abra aus dem Haus der Deanes kam. Ihre Freundin – Emma – blieb in der Tür stehen. Die beiden Mädchen verabschiedeten sich, indem sie erst über dem Kopf und dann unten abklatschten. Dann ging Abra auf ihr eigenes Haus zu, das vier Nummern weiter auf der anderen Straßenseite lag. Das war nicht so vorgesehen, und als sie ihm einen Blick zuwarf, hob er beide Hände, wie um zu fragen: Was ist los?

Sie lächelte und hob kurz den Daumen. Offensichtlich meinte sie damit, dass alles in bester Ordnung sei, aber Billy war es gar nicht recht, sie hier draußen allein herumwandern zu sehen, selbst wenn der Feind zwanzig Meilen weit entfernt war. Sie war zwar ein echtes Kraftpaket, und vielleicht wusste sie, was sie tat, aber schließlich war sie erst zwölf.

Während Billy sie mit dem Rucksack auf dem Rücken durch den Garten zu ihrem Haus gehen und dabei in ihrer Tasche nach dem Schlüssel kramen sah, beugte er sich zur Seite und drückte auf die Taste seines Handschuhfachs. Darin lag seine eigene Glock .22. Die Pistolen hatte er von einem Typen geliehen, der Ehrenmitglied bei den Road Saints, Chapter New Hampshire, war. In jüngeren Jahren war Billy mit denen manchmal durch die Gegend gefahren, dem Club aber nie beigetreten. Alles in allem war er froh darüber, wusste jedoch um die Anziehungskraft, die so eine Gruppe hatte. Die Kameradschaft. Wahrscheinlich hatten Dan und John ein ähnliches Verhältnis zum Trinken.

Abra verschwand in ihrem Haus und schloss die Tür. Billy nahm weder die Glock noch sein Mobiltelefon aus dem Handschuhfach – noch nicht –, aber er schloss das Fach auch nicht. Er wusste zwar nicht, ob es das war, was Dan als Shining bezeichnete, aber irgendwie hatte er ein mulmiges Gefühl. Abra hätte bei ihrer Freundin bleiben sollen.

Sie hätte sich an den Plan halten sollen.

12

Sie reisen in Campingbussen und Winnebagos, hatte Abra gesagt, und dort fuhr ein Winnebago auf den Parkplatz, an dem die Zufahrtsstraße zum Wolkentor in einer Sackgasse endete. Dan saß da, eine Hand im Picknickkorb, und beobachtete die Szene. Da es nun so weit war, fühlte er sich ziemlich ruhig. Er drehte den Korb so, dass das eine Ende auf das gerade angekommene Wohnmobil gerichtet war, und löste mit dem Daumen die Sicherung der Glock. Die Tür des Winnebagos ging auf, und Abras Möchtegernkidnapper stiegen aus, einer nach dem anderen.

Die hätten komische Namen – Piratennamen –, hatte Abra gesagt, aber diese Leute sahen ganz gewöhnlich aus. Die Männer waren die ältliche Sorte, die man immer in Wohnmobilen durch die Gegend ziehen sah; die Frau war jung und auf eine typisch amerikanische Weise gut aussehend. Bei ihr dachte Dan an frühere Cheerleader, die noch zehn Jahre nach dem Highschool-Abschluss und ein oder zwei Geburten ihre Figur behielten. Sie hätte die Tochter eines der beiden Männer sein können. Einen Moment lang überkamen ihn Zweifel. Schließlich war dieser Ort eine Touristenattraktion, und der berühmte Indian Summer in Neuengland hatte begonnen und ließ das Laub in allen Farben erstrahlen. Hoffentlich ballerten John und David nicht gleich los, das wäre schrecklich, falls es sich bloß um unbeteiligte …

77