Da sah er die Klapperschlange, die am linken Arm der Frau die Zähne zeigte, und die Spritze in deren rechter Hand. Der Mann mit den krausen, weißen Haaren, der sich dicht neben ihr hielt, hatte ebenfalls eine Spritze. Und der Mann, der vorausging, trug in seinem Gürtel etwas, was sehr nach einer Pistole aussah. Knapp hinter den Birkenpfosten, die den Eingang zum Picknickplatz markierten, blieben sie stehen. Der Anführer befreite Dan von seinen letzten Zweifeln, indem er seine Pistole zog. Die sah nicht wie eine normale Waffe aus. Dazu war sie zu schmal.
»Wo ist das Mädchen?«
Mit der Hand, die nicht im Picknickkorb steckte, deutete Dan auf Hoppy, den Stoffhasen. »Das ist alles, was ihr von ihr zu Gesicht bekommen werdet.«
Der Mann mit der merkwürdigen Pistole war untersetzt und hatte eine joviale Buchhaltervisage mit Geheimratsecken. Über den Gürtel hing ihm ein gut genährter Bauch. Er trug Chinos und ein T-Shirt mit der Aufschrift WENN GOTT STRESS HAT GEHT ER ANGELN.
»Ich hab da eine Frage an dich, Süßer«, sagte die Frau.
Dan hob die Augenbrauen. »Nur zu.«
»Bist du nicht müde? Willst du nicht einschlafen?«
Das wollte er tatsächlich. Urplötzlich waren seine Augenlider schwer wie Blei. Die Hand, die sich um die Pistole schloss, entspannte sich. Zwei weitere Sekunden, und er hätte den Kopf auf die mit eingeschnitzten Initialen verunzierte Platte des Picknicktischs gelegt und losgeschnarcht. Aber in diesem Augenblick stieß Abra einen Schrei aus.
(WO IST CROW? DEN SEHE ICH NIRGENDS!)
13
Dan zuckte zusammen wie jemand, der unsanft beim Einschlafen gestört wurde. Die Hand im Picknickkorb verkrampfte sich, ein Schuss ging los, und eine Wolke aus Korbteilchen stob in die Luft. Obwohl die Kugel sie weit verfehlte, zuckten die Leute aus dem Winnebago erschrocken zusammen, und die Schläfrigkeit verließ Dans Kopf samt der Illusion, die sie darstellte. Die Frau mit dem Schlangentattoo und der Mann mit dem weißen Kraushaar wichen zurück, der Mann mit der merkwürdigen Pistole jedoch stürmte los und brüllte: »Auf ihn! Auf ihn!«
»Halt, ihr verfluchten Kidnapper!«, brüllte Dave Stone. Er trat aus dem Wald und begann zu feuern. Die meisten Geschosse gingen weit daneben, aber eines traf Walnut am Hals, und der Arzt des Wahren Knotens stürzte auf den mit Fichtennadeln übersäten Boden, wobei ihm die Spritze aus der Hand flog.
14
Den Wahren Knoten anzuführen brachte Verantwortung mit sich, aber auch gewisse Vorteile. Einer war Rose’ gigantischer EarthCruiser, der mit unglaublichen Kosten aus Australien importiert und anschließend auf Linkslenkung umgebaut worden war. Den Frauenduschraum des Bluebell Campground ganz für sich zu haben, wenn sie wollte, war ein weiterer. Nach vielen Monaten unterwegs gab es nichts Schöneres als eine lange heiße Dusche in dem großen, gefliesten Raum, in dem man die Arme ausbreiten und sogar umhertanzen konnte, wenn man Lust dazu hatte. Und wenn das warme Wasser nicht schon nach vier Minuten alle war.
Rose schaltete gern das Licht aus, um im Dunkeln zu duschen. Sie fand, dass sie dann am besten denken konnte, und genau aus diesem Grund war sie sofort zum Duschen gegangen, nachdem sie um ein Uhr nachmittags Ortszeit einen beunruhigenden Anruf erhalten hatte. Zwar glaubte sie grundsätzlich immer noch, dass alles wunderbar lief, aber es waren wie Löwenzahn auf einem bislang makellosen Rasen doch einige Zweifel gesprossen. Wenn das Mädchen noch schlauer war, als sie gedacht hatte … oder wenn es Hilfe bekommen hatte …
Nein. Das war unmöglich. Die Kleine war zwar definitiv ein Steamhead – der größte Steamhead aller Zeiten –, aber trotzdem nur ein Kind. Ein Tölpelkind. Wie auch immer, momentan konnte Rose nichts anderes tun, als die weitere Entwicklung abzuwarten.
Nach fünfzehn erfrischenden Minuten trat sie aus der Dusche, trocknete sich ab, wickelte sich in ein flauschiges Badetuch und machte sich mit ihren Klamotten in der Hand auf den Rückweg zu ihrem Wohnmobil. Short Eddie und Big Mo waren damit beschäftigt, nach einem weiteren exzellenten Mittagessen den offenen Grillplatz zu reinigen. Es war nicht ihr Fehler, dass niemand großen Hunger hatte, da bei zwei weiteren Mitgliedern des Knotens diese verfluchten roten Flecke aufgetaucht waren. Sie winkten ihr zu. Rose hob gerade die Hand, um den Gruß zu erwidern, als in ihrem Kopf ein Bündel Dynamit explodierte. Sie stürzte mit ausgebreiteten Armen zu Boden, Hose und Bluse flogen ihr aus der Hand. Ihr Badetuch wickelte sich auf.
Das alles bekam Rose kaum mit. Dem Stoßtrupp war etwas zugestoßen. Etwas Schlimmes. Sobald sie wieder einigermaßen klar im Kopf war, griff sie nach ihrer zerknautschten Jeans, um ihr Handy herauszuholen. Noch nie im Leben hatte sie sich so sehr (und so verbittert) gewünscht, dass Crow Daddy die Fähigkeit gehabt hätte, über weite Strecken eine telepathische Verbindung aufzubauen. Aber mit wenigen Ausnahmen, zu denen sie selbst gehörte, schien dieses Talent auf Tölpel-Steamheads wie dieses Mädchen in New Hampshire beschränkt zu sein.
Eddie und Mo rannten auf sie zu. Dahinter kamen Long Paul, Silent Sarey, Token Charlie und Harpman Sam. Rose drückte eine Schnellwahltaste. Tausend Meilen weit entfernt läutete Crows Telefon nur ein einziges Mal.
»Hallo, dies ist die Mailbox von Henry Rothman. Ich bin momentan leider nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie Ihre Nummer und eine kurze Nachricht …«
Verfluchte Scheiße. Das hieß, dass er entweder gerade telefonierte oder dass er das Ding ausgeschaltet hatte. Wahrscheinlich Letzteres. Nackt im Dreck kniend, spürte Rose, wie ihre Fersen sich in die Rückseite ihrer langen Oberschenkel bohrten, während sie sich mit der freien Hand an die Stirn schlug.
Crow, wo bist du? Was tust du gerade? Was ist da los?
15
Der Mann in dem Angler-T-Shirt richtete seine merkwürdige Pistole auf Dan. Es zischte, und plötzlich steckte ein Pfeil in Hoppys Rücken. Dan zog die Glock aus den Trümmern des Picknickkorbs und drückte ab. Mitten in die Brust getroffen, kippte der Angreifer hintenüber und grunzte, während feine Blutstropfen durch sein T-Shirt spritzten.
Andi Steiner war die Letzte, die noch übrig war. Sie drehte sich um, sah Dave Stone erstarrt und mit verstörtem Blick dastehen und stürzte auf ihn zu, die Injektionsspritze in der Faust wie einen Dolch. Ihr Pferdeschwanz schwang hin und her. Sie kreischte. Dan sah die Szene so, als hätte sich alles verlangsamt und an Klarheit gewonnen. Er hatte Zeit zu sehen, dass auf der Nadel der Spritze noch die Plastikkappe steckte, und er hatte Zeit zu denken: Was sind das denn für Trottel? Die Antwort lautete natürlich, dass es ganz und gar keine Trottel waren. Es waren lediglich Jäger, für die es völlig ungewohnt war, dass ihre Beute Widerstand leistete. Allerdings bestand diese Beute normalerweise aus Kindern, die zudem völlig ahnungslos waren.
Dave starrte die kreischende Hyäne an, die auf ihn zustürmte. Vielleicht war seine Waffe leer, wahrscheinlich aber hatte ihn der eine Feuerstoß völlig verausgabt. Dan hob die Pistole, drückte jedoch nicht ab. Das Risiko, die tätowierte Lady zu verfehlen und Abras Vater zu treffen, war einfach zu groß.
In diesem Augenblick kam John aus dem Wald gerannt und rempelte Dave von hinten an, wodurch dieser auf die Angreiferin prallte. Ihre Schreie (Wut? Entsetzen?) verstummten in einem Schwall gewaltsam ausgestoßener Luft. Beide gingen zu Boden, und die Spritze flog davon. Während die Tattoo-Frau auf Händen und Knien loskrabbelte, um sie wieder an sich zu reißen, hob John Billys Gewehr und ließ ihr den Kolben seitlich ans Gesicht krachen. Es war ein kraftvoller, adrenalingesättigter Schlag, und ihr Kiefer brach mit einem Knirschen. Ihre Gesichtszüge verzerrten sich nach links, ein Auge quoll verblüfft starrend halb aus seiner Höhle. Sie brach zusammen und drehte sich auf den Rücken. Aus ihren Mundwinkeln rann Blut. Ihre Hände ballten und öffneten, ballten und öffneten sich.
John ließ die Flinte fallen und drehte sich entsetzt zu Dan um. »So hart wollte ich nicht zuschlagen! Mensch, ich hab solche Angst gehabt!«
»Sieh dir mal den mit den weißen Locken an«, sagte Dan. Er erhob sich auf Beine, die sich zu lang und nicht ganz vorhanden anfühlten. »Sieh ihn dir an, John.«
John gehorchte. Walnut lag in einer Blutlache und hielt eine Hand an den zerfetzten Hals. Er kreiste in raschen Zyklen. Abwechselnd sanken seine Kleider in sich zusammen, um sich dann gleich wieder aufzublähen. Das durch seine Finger strömende Blut verschwand und wurde wieder sichtbar. Mit den Fingern geschah dasselbe. Er sah aus wie eine wahnsinnig gewordene Röntgenaufnahme.
John wich zurück, die Hände auf Mund und Nase gepresst. Dan hatte immer noch dieses Gefühl von Langsamkeit und vollkommener Klarheit. Er hatte Zeit zu sehen, wie das Blut der Tattoo-Frau, das samt einer Strähne ihrer blonden Haare am Kolben der Jagdflinte klebte, ebenfalls verschwand und wieder auftauchte. Dabei fiel ihm ein, wie ihr Pferdeschwanz hin- und hergeschwungen hatte, als sie
(Dan wo ist Crow? WO IST DIESER CROW???)
auf Abras Vater zugestürzt war. Abra hatte gesagt, Barry würde kreisen. Nun begriff Dan, was sie damit gemeint hatte.
»Der in dem Angler-T-Shirt tut dasselbe«, sagte Dave Stone. Seine Stimme war nur leicht zittrig, und Dan hatte eine Ahnung, woher die stählernen Nerven seiner Tochter stammten. Aber das war jetzt nicht so wichtig. Abra hatte ihm gerade mitgeteilt, dass sie nicht die ganze Mannschaft erwischt hatten.
Er rannte zum Winnebago. Die Tür stand noch offen. Er stürmte die Treppe hinauf, hechtete auf den Teppichboden und schaffte es, sich den Kopf so heftig an dem Pfosten unter dem Esstisch anzuschlagen, dass ihm Sterne vor den Augen tanzten. Im Kino läuft das nie so, dachte er und drehte sich auf die Seite, darauf gefasst, von dem Kerl, der als Nachhut im Wohnmobil geblieben war, erschossen oder zertrampelt zu werden oder irgendwelches Zeug injiziert zu bekommen. Von Crow, wenn Abra den Namen richtig verstanden hatte. Offenbar waren diese Typen doch nicht vollständig dämlich und überheblich.