Doctor Sleep - Страница 79


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Oder vielleicht doch. Der Winnebago war leer.

Schien leer zu sein.

Dan rappelte sich auf und eilte durch die Kochnische. Er kam an einem zerwühlten Klappbett vorbei. Ein Teil seines Bewusstseins registrierte die Tatsache, dass in der Kabine ein pestilenzialischer Gestank herrschte, obwohl die Klimaanlage lief. Es gab einen Kleiderschrank, aber die Tür stand weit offen, und im Innern hingen nur Klamotten. Er bückte sich, um festzustellen, ob Füße zu sehen waren. Keine Füße. Schließlich ging er ganz nach hinten und stellte sich neben die Nasszelle.

Er dachte: Scheiße, wieder wie im Film, riss die Tür auf und ging dabei in die Hocke. Die Toilette des Winnebagos war leer, was ihn nicht überraschte. Hätte jemand versucht, sich da drin zu verstecken, wäre er inzwischen tot gewesen. Schon der Gestank hätte ihn umgebracht.

(vielleicht ist jemand hier drin gestorben vielleicht dieser Crow)

Sofort meldete sich Abra wieder, voller Panik diesmal. Sie sendete mit solcher Wucht, dass sie seine eigenen Gedanken regelrecht zersprengte.

(nein nur Barry ist gestorben wo ist Crow du musst Crow finden)

Dan verließ das Wohnmobil. Die beiden Männer, die Abra hatten kidnappen wollen, waren verschwunden; nur ihre Kleidungsstücke waren noch übrig. Die Frau, die versucht hatte, ihn einzuschläfern, war noch da, aber bestimmt nicht mehr lange. Sie war zu dem Picknicktisch mit dem zerfetzten Korb gekrochen und hatte sich mit dem Rücken an eine der Bänke gelehnt. Mit ihrem frisch verbogenen Gesicht glotzte sie Dan, John und Dave an. Aus Nase und Mund rann Blut und bildete einen roten Ziegenbart. Die Vorderseite der Bluse war mit Blut getränkt. Während Dan auf sie zuging, schmolz die Haut von ihrem Gesicht, und ihre Kleider sanken nach innen an das Gebälk des Skeletts. Von den Schultern nicht mehr festgehalten, hingen die BH-Träger schlaff herab. Von den weichen Teilen ihres Körpers waren nur noch die Augen vorhanden, die Dan weiterhin beobachteten. Dann baute die Haut sich wieder auf, und die Kleider füllten sich mit dem Körper. Die BH-Träger schnitten in die Oberarme, wobei der linke die Klapperschlange würgte, dass sie nicht mehr beißen konnte. Aus den Fingerknochen, die den zerschmetterten Kiefer umklammerten, wurde eine Hand.

»Ihr habt uns reingelegt«, sagte Snakebite Andi. »Wir haben uns von einem Haufen Tölpel leimen lassen. Ich fasse es nicht.«

Dan deutete auf Dave. »Der Tölpel da ist der Vater von dem Mädchen, das ihr kidnappen wolltet. Falls dich das irgendwie interessiert.«

Andi brachte ein gequältes Grinsen zustande. Die Zähne waren mit Blut gerändert. »Das ist mir scheißegal. Für mich ist er bloß ein Schwanz mit Beinen. Selbst der Papst in Rom hat so ein Ding, und keiner von euch schert sich drum, wo er es reinsteckt. Verfluchte Männer. Ihr müsst gewinnen, oder? Immer müsst ihr ge…«

»Wo ist der Vierte von euch? Wo ist Crow?«

Andi hustete. An ihren Mundwinkeln quollen Blutbläschen hervor. Einst war sie verloren gewesen und dann gefunden worden. In einem dunklen Kino war sie gefunden worden – von einer Göttin mit einer Gewitterwolke aus dunklem Haar. Nun lag sie im Sterben, und sie hätte nichts anders machen wollen. Die Jahre zwischen dem Schauspielerpräsidenten und dem schwarzen Präsidenten waren gut gewesen; und jene eine magische Nacht mit Rose war die Krönung gewesen. Sie grinste den großen, gut aussehenden Mann, der über ihr stand, an. Es tat weh zu grinsen, aber sie tat es trotzdem.

»Ach der. Der ist in Reno. Tölpel-Flittchen ficken.«

Sie begann wieder zu verschwinden. Dan hörte John Dalton flüstern: »O Gott, seht euch das an. Eine Hirnblutung. Ich kann sie tatsächlich sehen.«

Dan wartete geduldig, ob die Frau mit dem Tattoo wieder zurückkam. Nach einer Weile tat sie es tatsächlich, begleitet von einem langen Stöhnen durch ihre zusammengebissenen, blutigen Zähne. Offenbar verursachte das Kreisen noch stärkere Schmerzen als der dafür verantwortliche Schlag mit dem Gewehrkolben, aber Dan glaubte, dagegen etwas unternehmen zu können. Er zog die Hand der Frau von ihrem zerschmetterten Kinn weg und krallte seine Finger darum. Als er das tat, spürte er, wie sich der ganze Schädel verschob; es war, als hätte er eine zersprungene, nur noch von ein paar Streifen Klebeband zusammengehaltene Vase in der Hand. Diesmal stöhnte die Frau nicht nur. Sie heulte auf und zerrte schwach an Dan, der aber gar nicht darauf achtete.

»Wo ist Crow?«

»In Anniston!«, kreischte Snakebite Andi. »Er ist in Anniston ausgestiegen! Bitte tu mir nicht mehr weh, Daddy! Bitte nicht, ich mach alles, was du willst!«

Dan musste daran denken, was diese Ungeheuer Bradley Trevor aus Iowa angetan hatten, wie sie ihn und weiß Gott wie viele andere gefoltert hatten, und er spürte den fast unbeherrschbaren Drang, diesem mordgierigen Miststück die untere Hälfte des Gesichts abzureißen. Um mit dem Kieferknochen auf den blutenden, zerborstenen Schädel einzuschlagen, bis Schädel und Knochen verschwanden.

Aber dann – so absurd es angesichts der Umstände war – dachte er daran, wie der Junge in dem Braves-T-Shirt die Hand nach dem übrig gebliebenen Häufchen Kokain auf der glänzenden Zeitschrift ausgestreckt hatte. Zucka, hatte er gesagt. Diese Frau da hatte mit dem Jungen nichts zu tun, überhaupt nichts, aber es nützte nichts, sich das zu sagen. Sein Zorn war plötzlich verraucht, und er fühlte sich krank, schwach und leer.

Tu mir nicht mehr weh, Daddy.

Er stand auf, wischte sich an seinem Hemd die Hand ab und ging blindlings auf die Riv zu.

(Abra bist du da)

(ja)

Jetzt hörte sie sich nicht mehr so panisch an, und das war gut.

(sag der Mutter deiner Freundin sie soll bei der Polizei anrufen und sagen dass du in Gefahr bist Crow ist in Anniston)

Die Polizei in eine Sache hineinzuziehen, die im Grunde einen übernatürlichen Charakter hatte, war alles andere als ideal, doch in diesem Augenblick sah er keine andere Wahl.

(ich bin nicht mehr)

Bevor Abra den Gedanken vollenden konnte, wurde er von dem kraftvollen, wütenden Schrei einer Frauenstimme ausgelöscht.

(DU KLEINES MISTSTÜCK)

Plötzlich war die Frau mit dem Hut wieder in Dans Kopf, diesmal nicht als Teil eines Traums, sondern als loderndes Bild direkt hinter seinen wachen Augen: eine Kreatur von schrecklicher Schönheit, die in diesem Augenblick nackt war. Die feuchten Haare lagen in Medusenlocken auf ihren Schultern. Dann öffnete sich ihr Mund, und augenblicklich verschwand alle Schönheit. Da war nur noch ein dunkles Loch, aus dem ein einzelner verfärbter Zahn ragte. Wie ein Hauer.

(WAS HAST DU GETAN)

Dan taumelte und stützte sich mit der Hand am ersten Wagen des Zugs ab. Die Welt in seinem Kopf drehte sich. Nun verschwand die Frau mit dem Hut, und mit einem Mal hatte sich eine Schar aus besorgten Gesichtern um ihn versammelt. Die ihn fragten, ob es ihm nicht gutgehe.

Er erinnerte sich daran, dass Abra zu erklären versucht hatte, wie die Welt sich nach der Entdeckung von Bradley Trevors Foto im Anniston Shopper gedreht hatte; wie Abra plötzlich durch die Augen der Frau mit dem Hut geblickt hatte und umgekehrt. Nun begriff er, was los war. Es passierte wieder, aber diesmal saß er mit auf der Drehscheibe.

Rose lag am Boden. Über ihr breitete sich der Abendhimmel aus. Die Leute, die um sie herumstanden, gehörten zweifellos zu ihrer Sekte von Kindesmördern. Das war das Bild, das Abra sah.

Die Frage lautete: Was sah Rose gerade?

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Snakebite Andi kreiste aus und kam wieder zurück. Wie das brannte. Sie blickte auf den Mann, der vor ihr kniete.

»Kann ich vielleicht irgendetwas für Sie tun?«, fragte John. »Ich bin Arzt.«

Trotz ihren Schmerzen lachte Snakebite Andi. Da bot dieser Arzt, der zu den Leuten gehörte, die gerade den Arzt der Wahren erschossen hatten, ihr doch tatsächlich seine Hilfe an. Was hätte wohl Hippokrates davon gehalten? »Schieß mir eine Kugel in den Kopf, Arschgesicht. Das ist das Einzige, was mir einfällt.«

Der verfluchte Intellektuellentyp, der Walnut erschossen hatte, trat zu dem, der behauptete, Arzt zu sein. »Verdienen würdest du es«, sagte er. »Habt ihr gedacht, ich lasse so einfach meine Tochter kidnappen? Damit ihr sie foltert und umbringt wie diesen armen Jungen in Iowa?«

Darüber wussten die Bescheid? Wie war das möglich? Aber das war jetzt egal, zumindest für Andi. »Ihr schlachtet Schweine, Rinder und Schafe. Ist das, was wir tun, irgendwas anderes?«

»Meiner bescheidenen Meinung nach ist es etwas völlig anderes, ein menschliches Wesen zu töten«, sagte John. »So töricht und sentimental das auch klingen mag.«

Andis Mund war voller Blut und irgendwelchem klumpigem Scheißdreck. Wahrscheinlich Zähne. Auch das war egal. Letztlich war das Ganze wohl weniger schlimm als das, was Barry durchgemacht hatte. Auf jeden Fall würde es schneller gehen. Eines musste jedoch klargestellt werden. Einfach damit diese Arschlöcher Bescheid wussten. »Die wahren menschlichen Wesen sind wir. Ihr seid bloß … Tölpel.«

Dave lächelte, aber sein Blick war hart. »Trotzdem bist du es, die mit Dreck im Haar und blutgetränkter Bluse auf dem Boden liegt. Ich hoffe, in der Hölle ist es heiß genug für dich.«

Andi spürte, wie der nächste Zyklus nahte. Wenn sie Glück hatte, war es der letzte, aber vorläufig klammerte sie sich an ihrer physischen Gestalt fest. »Ihr habt doch keine Ahnung, was mit mir los war. Vorher, meine ich. Und wie es mit uns steht. Wir sind nur wenige, und wir sind krank. Wir haben …«

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