Er sah sich nach dem Pick-up um. Bisher hatte der Fahrer, ebenfalls ein älteres Modell, zusammengesunken hinter dem Lenkrad gesessen. Nun richtete er sich auf. Putzmunter, wie die Tölpel sagten. Alarmbereit. Also hatte das Mädchen sie tatsächlich an der Nase herumgeführt. Crow wusste zwar noch nicht, welche der beiden der Steamhead war, aber eines war klar: Seine Gefährten im Winnebago jagten einem Phantom hinterher.
Crow zog sein Telefon heraus, hielt es jedoch einen Moment lang nur in der Hand, während er das Mädchen in der schwarzen Hose durch den Vorgarten zur Straße gehen sah. Das Mädchen im Rock wartete kurz, bevor sie ins Haus zurückging. Das Mädchen in der Hose – Abra – überquerte die Straße, und während sie das tat, hob der Mann in dem Pick-up die Hände, also wollte er fragen: Was ist los? Das Mädchen erwiderte, indem es den Daumen hob: Keine Sorge, alles ist okay. Crow spürte Triumph in sich aufsteigen, heiß wie ein Schluck Whiskey in der Kehle. Nun war alles klar. Abra Stone war der Steamhead. Da bestand kein Zweifel mehr. Sie wurde bewacht, und der Wächter war ein alter Knacker mit einem absolut akzeptablen Pick-up. Crow war zuversichtlich, dass er samt einem gewissen jugendlichen Fahrgast damit problemlos bis nach Albany gelangen konnte.
Er drückte die Schnellwahltaste von Snakebite Andi, war jedoch weder überrascht noch beunruhigt, als er die Nachricht erhielt, der Teilnehmer sei momentan nicht erreichbar. Das Wolkentor war eine regionale Landschaftsattraktion, weshalb es dort sicher keine Mobilfunkmasten gab, von denen die Erinnerungsfotos der Touristen verschandelt worden wären. Aber das machte nichts. Wenn er mit einem alten Mann und einem Mädchen nicht allein fertigwurde, war es an der Zeit, den Löffel abzugeben. Er betrachtete sein Handy einen Augenblick, dann schaltete er es aus. In den nächsten zwanzig Minuten wollte er mit niemand sprechen, nicht einmal mit Rose.
Es war seine Mission, seine Verantwortung.
Er hatte vier gefüllte Injektionsspritzen dabei, zwei in der linken Tasche seiner leichten Jacke, zwei in der rechten. Mit seinem besten Henry-Rothman-Lächeln auf dem Gesicht – das er aufsetzte, wenn er für den Wahren Knoten exklusiv Campingplätze oder Motels reservierte – trat er hinter dem Baum hervor und schlenderte die Straße entlang. In der linken Hand hielt er immer noch die zusammengefaltete Ausgabe vom Anniston Shopper. Die rechte Hand steckte in der Jackentasche und war damit beschäftigt, von einer der Nadeln die Plastikkappe abzuziehen.
4
»Verzeihung, Sir, ich habe mich offenbar verlaufen. Könnten Sie mir vielleicht weiterhelfen?«
Billy Freeman war nervös. Er spürte den Anflug einer unheilvollen Ahnung … aber die vergnügte Stimme und das breite, vertrauenswürdige Lächeln lullten ihn ein. Nur zwei Sekunden lang, aber das reichte aus. Während er die Hand nach dem offenen Handschuhfach ausstreckte, spürte er einen leichten Stich am Hals.
Ein Mückenstich, dachte er, dann sank er zur Seite. Seine Augen drehten sich nach oben, bis nur noch das Weiße sichtbar war.
Crow öffnete die Tür und stieß den Fahrer zur anderen Seite. Der Kopf des Alten knallte ans Beifahrerfenster. Crow hob dessen schlaffe Beine über den Mitteltunnel und schlug das Handschuhfach zu, um Platz zu schaffen. Dann setzte er sich ans Lenkrad und zog die Tür zu. Er holte tief Luft und sah sich um, für alles bereit, aber es war nichts zu sehen, wofür er hätte bereit sein müssen. Der Richland Court lag im Nachmittagsschlummer da, und das war wunderbar.
Der Schlüssel steckte in der Zündung. Crow ließ den Motor an, und im Radio grölte Toby Keith was von Bier und dass Gott Amerika schützen solle. Als er zum Radio griff, um es auszuschalten, blendete ihn vorübergehend ein schreckliches weißes Licht. Crow hatte nur sehr begrenzte telepathische Fähigkeiten, aber er war eng mit dem Wahren Knoten verbunden; dessen Mitglieder waren sozusagen Glieder eines gemeinsamen Organismus, und gerade war eines gestorben. Das Wolkentor war nicht nur eine falsche Spur gewesen, sondern ein verfluchter Hinterhalt.
Bevor er entscheiden konnte, was er unternehmen sollte, kam das weiße Licht wieder und nach einer Pause noch ein drittes Mal.
Hatte es alle erwischt?
Du lieber Himmel, alle drei? Das war nicht möglich … oder doch?
Er atmete tief durch, einmal und noch einmal. Zwang sich, der Tatsache ins Auge zu blicken, dass es durchaus möglich war. Und falls ja, dann wusste er, wer die Schuld daran trug.
Das verfluchte Mädchen.
Er blickte zu Abras Haus hinüber. Dort war alles ruhig. Wenigstens etwas. Er hatte eigentlich vorgehabt, mit dem Wagen direkt in die Einfahrt des Hauses zu fahren, aber das kam ihm jetzt plötzlich nicht mehr so intelligent vor, zumindest vorläufig. Er stieg aus, beugte sich noch einmal hinein und packte den bewusstlosen alten Knacker an Hemd und Gürtel. Dann zerrte er ihn wieder hinters Lenkrad und nahm sich Zeit, ihn abzutasten. Keine Waffe. Was ein Pech. Er hätte nichts dagegen gehabt, vorübergehend eine zur Verfügung zu haben.
Er legte dem Alten den Sicherheitsgurt an, damit der Kerl nicht nach vorn sank und versehentlich die Hupe betätigte. Dann ging er ohne Eile auf das Haus des Mädchens zu. Hätte er dessen Gesicht an einem der Fenster gesehen – oder auch nur das kurze Zucken eines Vorhangs –, dann wäre er losgerannt, aber nichts regte sich.
Es war immer noch möglich, dass er seine Mission erfüllte, aber diese Überlegung war durch die schrecklichen weißen Blitze zweitrangig geworden. Vor allem wollte er sich dieses elende Miststück greifen, das dem Wahren Knoten so viel Unglück gebracht hatte, und es schütteln, bis es den Verstand verlor.
5
Schlafwandlerisch ging Abra durch den unteren Flur. Die Stones hatten zwar ein Wohnzimmer, aber eigentlich erfüllte die Küche diese Funktion. Sie war der Ort, an dem die Familie sich geborgen fühlte, und Abra ging dorthin, ohne darüber nachzudenken. Dann stand sie da, stützte sich mit gespreizten Händen auf den Küchentisch, an dem sie so oft mit ihren Eltern gegessen hatte, und starrte mit großen, leeren Augen auf das Fenster über der Spüle. Sie war im Grunde überhaupt nicht da. Sie war am Wolkentor und sah die Kidnapper aus dem Winnebago kommen: Snakebite Andi, Walnut und Jimmy Numbers. Die Namen hatte sie durch Barry erfahren. Aber etwas stimmte nicht. Einer fehlte.
(WO IST CROW? DEN SEHE ICH NICHT!)
Keine Antwort, denn Dan, ihr Vater und Dr. John waren beschäftigt. Sie machten die Kidnapper unschädlich, einen nach dem anderen: zuerst Walnut – den erledigte ihr Vater, gut für ihn –, dann Jimmy Numbers und schließlich diese Snake. Jede tödliche Verwundung spürte Abra als dröhnenden Schlag tief im Kopf. Diese Schläge, die sich anhörten wie ein schwerer Hammer, der wiederholt auf ein Eichenbrett niedersauste, waren schrecklich in ihrer Endgültigkeit, aber nicht ganz unangenehm. Weil …
Weil sie es verdienen; sie töten Kinder, und sonst hätte nichts sie aufhalten können. Aber …
(Dan wo ist Crow? WO IST DIESER CROW???)
Jetzt hörte er sie. Gott sei Dank. Sie sah den Winnebago. Dan dachte, Crow könnte da drin sein, und vielleicht hatte er recht. Allerdings …
Sie eilte durch den Flur und spähte durch eines der Fenster neben der Haustür. Der Gehweg lag verlassen da, aber der Pick-up von Mr. Freeman stand genau dort, wo er hingehörte. Das Gesicht ihres Wächters konnte sie nicht erkennen, weil die Sonne auf die Windschutzscheibe schien, aber sie sah ihn hinter dem Lenkrad sitzen, und das bedeutete, dass alles noch in Ordnung war.
Wahrscheinlich war es in Ordnung.
(Abra bist du da)
Dan. Es war so schön, ihn zu hören. Sie wünschte, er wäre bei ihr, aber ihn in ihrem Kopf zu haben war fast genauso gut.
(ja)
Sie warf noch einen letzten Blick auf den leeren Gehweg und auf den Wagen von Mr. Freeman, vergewisserte sich, dass sie die Haustür abgeschlossen hatte, und ging wieder auf die Küche zu.
(sag der Mutter deiner Freundin sie soll bei der Polizei anrufen und sagen dass du in Gefahr bist Crow ist in Anniston)
Sie blieb mitten im Flur stehen. Ihre Hand hob sich und begann, den Mund zu reiben. Dan wusste nicht, dass sie nicht mehr im Haus der Deanes war. Wie hätte er das wissen sollen? Dazu war er zu beschäftigt gewesen.
(ich bin nicht mehr)
Bevor sie den Gedanken vollenden konnte, donnerte ihr die Stimme von Rose the Hat durch den Kopf und löschte alle Gedanken aus.
(DU KLEINES MISTSTÜCK WAS HAST DU GETAN)
Der vertraute Flur, der von der Haustür zur Küche führte, glitt zur Seite. Als sich die Welt das letzte Mal gedreht hatte, war sie darauf vorbereitet gewesen. Diesmal war sie es nicht. Abra versuchte, den Vorgang aufzuhalten, schaffte es jedoch nicht. Ihr Haus war verschwunden. Anniston war verschwunden. Sie lag auf dem Boden und blickte in den Himmel. Da wurde ihr klar, dass der Tod der drei Wahren am Wolkentor Rose buchstäblich von den Beinen geholt hatte, und einen Moment lang überkam sie eine wilde Freude. Sie suchte krampfhaft nach etwas, womit sie sich verteidigen konnte. Dafür blieb ihr nicht viel Zeit.
6
Der Körper von Rose lag lang ausgestreckt zwischen dem Duschgebäude und der Overlook Lodge, aber ihre Gedanken waren in New Hampshire und strömten durch den Kopf des Mädchens. Diesmal war da keine geträumte Reiterin mit Hengst und Lanze, o nein. Diesmal waren da nur ein erschrockenes kleines Küken und Rosie, und Rosie wollte Rache. Töten würde sie das Mädchen nur, falls unbedingt nötig, dafür war diese Göre zu wertvoll, aber sie wollte ihr schon einmal einen Vorgeschmack auf das geben, was sie erwartete. Einen Vorgeschmack auf das, was gerade eben auch die Gefährten von Rose erlitten hatten. Im Hirn von Tölpeln gab es viele weiche, verletzliche Orte, und die kannte Rose nur allzu g…