Doctor Sleep - Страница 82


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(HAU AB DU AAS LASS MICH IN RUHE


ODER ICH BRINGE DICH UM!)

Es war, als wäre hinter Rose’ Augen eine Blendgranate explodiert. Sie zuckte zusammen und schrie auf. Big Mo, die sich gebückt hatte, um sie zu trösten, zog sich erschrocken zurück. Rose bemerkte das nicht, sie sah Mo nicht einmal. Offenbar unterschätzte sie die Kraft des Mädchens immer noch. Sosehr sie auch versucht hatte, sich in ihrem Kopf festzusetzen, das kleine Miststück warf sie doch tatsächlich einfach raus. Schlimmer noch, sie spürte, wie ihre Hände sich auf ihr Gesicht zubewegten. Hätten Mo und Short Eddie sie nicht festgehalten, so hätte das Mädchen Rose wahrscheinlich dazu gebracht, sich die Augen auszukratzen.

Zumindest vorläufig musste sie aufgeben und sich zurückziehen. Aber bevor sie das tat, sah sie durch die Augen des Mädchens etwas, was sie mit Erleichterung durchflutete. Es war Crow Daddy, und der hielt eine Spritze in der Hand.

7

Abra setzte die ganze Kraft ein, die sie aufbringen konnte, mehr als an dem Tag, an dem sie nach Bradley Trevor gesucht hatte, mehr, als sie in ihrem ganzen Leben je angewandt hatte, aber das reichte trotzdem kaum aus. Gerade als sie den Eindruck hatte, sie würde es nicht schaffen, die Frau mit dem Hut aus ihrem Kopf zu verjagen, begann die Welt sich wieder zu drehen. Das brachte sie selbst zustande, aber es war irrsinnig schwer – wie ein großes Rad aus Stein zu schieben. Der Himmel und die auf sie herabblickenden Gesichter glitten weg. Ein Moment der Dunkelheit trat ein, in dem sie

(dazwischen)

im Nirgendwo war, und dann kam der Flur ihres Elternhauses wieder in Sicht. Aber sie war nicht mehr allein. In der Küchentür stand ein Mann.

Nein, nicht irgendein Mann. Es war Crow.

»Hallo, Abra«, sagte er lächelnd und stürzte sich auf sie. Noch ganz benommen von ihrer Begegnung mit Rose, versuchte Abra gar nicht erst, ihn mit ihren Gedanken abzuwehren. Sie drehte sich einfach um und rannte los.

8

Unter starkem Stress waren Dan Torrance und Crow Daddy sich sehr ähnlich, obwohl keiner der beiden das je erfahren würde. Crow erlebte nun denselben klaren Blick, den Dan am Wolkentor gehabt hatte, dasselbe Gefühl, dass alles wunderbar zeitlupenhaft ablief. Er sah das rosa Silikonband an Abras linkem Handgelenk und hatte Zeit Brustkrebs – Wissen hilft zu denken. Als Abra sich hektisch umdrehte, sah er ihren Rucksack zur Seite rutschen und wusste, dass der voller Bücher war. Er hatte sogar Zeit, ihre Haare zu bewundern, die als heller Schweif hinter ihr herflogen.

Crow erwischte sie an der Tür, während sie versuchte, den Drehverschluss zu betätigen. Als er ihr den linken Arm um den Hals legte und sie zurückriss, spürte er ihre ersten Versuche – verwirrt, schwach –, ihn mit ihren Gedanken wegzuschieben.

Nicht die ganze Spritze, sonst bringe ich sie vielleicht um, sie wiegt bestimmt nicht mehr als fünfzig Kilo.

Während Abra sich wand und wehrte, injizierte Crow ihr das Mittel knapp unterhalb des Schlüsselbeins. Er hätte sich gar keine Sorgen machen müssen, dass er die Kontrolle verlieren und ihr aus Versehen die ganze Dosis verpassen könnte, denn ihr linker Arm zuckte nach oben und schlug ihm die Spritze aus der rechten Hand. Das Ding fiel zu Boden und rollte davon. Aber die Vorsehung war dem Wahren Knoten grundsätzlich günstiger gesinnt als den Tölpeln, so war es immer schon gewesen, und so war es auch jetzt. Es war ihm gelungen, ihr genügend von dem Mittel zu injizieren. Er spürte, wie der schwache Griff, mit dem sie sein Denken gepackt hatte, erst nachließ und dann ganz davonglitt. Ihre Hände taten dasselbe. Mit erschrockenen, ziellos umherwandernden Augen blickte sie ihn an.

Crow tätschelte ihr die Schulter. »Wir machen einen Ausflug, Abra. Du wirst äußerst interessante Leute kennenlernen.«

Unglaublicherweise brachte sie ein Lächeln zustande. Dieses Lächeln wirkte ziemlich beängstigend. Schließlich war sie noch so jung, dass sie gut als Junge hätte durchgehen können, wenn sie ihre Haare unter einer Mütze verborgen hätte. »Diese Monster, die du deine Freunde nennst, sind alle tot. Sie …«

Das letzte Wort war nur noch ein verwaschenes Stammeln. Abras Augen verdrehten sich, ihre Knie gaben nach. Crow war versucht, sie einfach fallen zu lassen – das hätte sie wirklich verdient gehabt –, aber er unterdrückte den Impuls und schob ihr stattdessen die Arme unter die Achseln. Schließlich war sie wertvolles Eigentum.

Wahres Eigentum.

9

Crow war durch die Hintertür gekommen, wobei er das praktisch nutzlose Schnappschloss mit einer einzigen Abwärtsbewegung von Henry Rothmans American Express Platinum Card geknackt hatte, aber er hatte nicht die Absicht, das Haus auf demselben Wege wieder zu verlassen. Am Ende des abschüssigen Gartens kam nichts als ein hoher Zaun und dahinter ein Fluss. Außerdem stand sein fahrbarer Untersatz in der anderen Richtung. Er trug Abra durch die Küche in die leere Garage. Vielleicht waren beide Eltern bei der Arbeit … falls sie nicht draußen am Wolkentor standen und hämisch die Überreste von Andi, Billy und Nut begafften. Vorläufig war ihm das scheißegal; wer auch immer dem Mädchen geholfen hatte, konnte warten. Um die konnte man sich später kümmern.

Er schob Abras Körper unter die Werkbank, auf der die paar Werkzeuge ihres Vaters lagen. Dann drückte er auf die Taste, mit der das Garagentor geöffnet wurde, und trat hinaus, nicht ohne daran zu denken, vorher sein bewährtes Henry-Rothman-Lächeln aufzusetzen. Der Schlüssel dazu, in der Welt der Tölpel zu überleben, bestand darin, so auszusehen, als ob man dazugehörte und überdies immer bester Laune wäre, und niemand gelang das besser als Crow. Er ging eilig zum Pick-up hinüber und schob den alten Knacker wieder zur Seite, diesmal auf die Mitte der durchgehenden Sitzbank. Als Crow mit dem Wagen in die Einfahrt der Stones einbog, lag Billys Kopf schlaff auf seiner Schulter.

»Na, was sind denn das für Annäherungsversuche, Alter?«, sagte Crow und lachte, während er den roten Pick-up in die Garage lenkte. Seine Gefährten waren tot, und die Lage war äußerst bedenklich, aber dafür gab es einen tollen Ausgleich: Zum ersten Mal seit sehr vielen Jahren fühlte er sich vollkommen lebendig und klar. Die Welt erstrahlte in allen Farben und summte wie eine Stimmgabel. Er hatte die Kleine erwischt, bei Gott. Trotz all ihrer unheimlichen Kraft und ihren üblen Tricks hatte er sie in der Hand. Jetzt würde er sie zu Rose bringen. Als ganz spezielle Liebesgabe.

»Jackpot«, sagte er und verpasste dem Armaturenbrett einen harten, triumphierenden Schlag.

Er stieg aus, streifte Abra den Rucksack von den Schultern und ließ ihn unter der Werkbank liegen. Dann hob er sie durch die Beifahrertür in den Wagen und schnallte seine zwei schlummernden Passagiere an. Er hatte zwar durchaus überlegt, ob er dem Alten den Hals brechen und seine Leiche in der Garage lassen sollte, aber möglicherweise war der Kerl ja noch zu irgendetwas nütze. Falls die Droge ihn nicht umbrachte. Crow tastete an der Seite des faltigen, mit grauen Härchen übersäten Halses nach dem Puls und spürte tatsächlich einen. Langsam, aber stark. Was die Kleine anging, war alles klar; sie lehnte am Seitenfenster, und er sah, wie sich durch ihren Atem die Scheibe beschlug. Ausgezeichnet.

Crow nahm sich kurz Zeit für eine Bestandsaufnahme seiner Ausrüstung. Keine Pistole – der Wahre Knoten reiste nie mit Schusswaffen –, aber er hatte noch zwei Spritzen mit dem Betäubungsmittel. Wie weit das reichen würde, wusste er nicht. Priorität hatte auf jeden Fall das Mädchen. Crow hatte so eine Ahnung, dass der Zeitraum, in dem sich der Alte als nützlich erweisen konnte, äußerst begrenzt sein würde. Na ja. Tölpel kamen, und Tölpel gingen.

Er zog sein Handy aus der Tasche, und diesmal drückte er die Schnellwahlnummer von Rose. Sie meldete sich, als er sich schon darauf vorbereitet hatte, eine Nachricht zu hinterlassen. Ihre Worte kamen langsam, ihre Aussprache klang verwaschen. Es war fast so, als würde man mit einer Betrunkenen sprechen.

»Rose? Was ist denn mit dir los?«

»Die Kleine hat mir irgendwie heftiger dazwischengefunkt, als ich erwartet hätte, aber es geht schon wieder. Ich höre sie nicht mehr. Sag mir, dass du sie hast!«

»Das habe ich, und sie macht gerade eine kleine Siesta, aber sie hat Freunde. Auf die will ich momentan nicht treffen. Deshalb fahre ich sofort nach Westen, und ich hab keine Zeit, irgendwelche Karten zu studieren. Irgendjemand muss mir die Nebenstraßen raussuchen, über die ich durch Vermont nach Upstate New York gelange.«

»Das wird Toady Slim erledigen.«

»Rosie, du musst sofort jemand nach Osten schicken, der mir entgegenfährt – mit allem, was ihr beschaffen könnt, um dieses Nitro-Paket ruhigzustellen. Sieh in Nuts Vorräten nach. Der muss doch irgendwas gehabt haben …«

»Ich weiß selber, was ich tun muss«, fuhr Rose ihn an. »Toady wird alles koordinieren. Kennst du dich so weit aus, dass du losfahren kannst?«

»Ja. Hör mal, Rosie-Darling, das mit dem Picknickplatz war eine Falle. Dieses verfluchte Balg hat uns reingelegt. Was ist, wenn ihre Freunde die Polizei rufen? Ich sitze in einem alten F-150 mit zwei Zombies neben mir. Da könnte ich mir gleich Kidnapper auf die Stirn tätowieren lassen.«

Aber er grinste. Und ob er grinste! Am anderen Ende herrschte Schweigen. Crow saß in der Garage der Stones am Lenkrad und wartete.

Schließlich sagte Rosie: »Wenn du hinter dir Blaulicht oder vor dir eine Straßensperre siehst, strangulier die Kleine und saug so viel Steam aus ihr heraus, wie du kannst, während sie krepiert. Dann kannst du dich verhaften lassen. Später holen wir dich irgendwann raus, das weißt du ja.«

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