Doctor Sleep - Страница 83


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Nun war es Crow, der kurz schwieg. »Bist du dir sicher, dass das die richtige Taktik ist, mein Schatz?«, fragte er dann.

»Bin ich.« Ihre Stimme war wie aus Stein. »Sie ist am Tod von Jimmy, Nut und Snakebite schuld. Ich trauere um alle, aber am schlimmsten ist für mich der Tod von Andi, weil ich sie selber umgewandelt habe, und sie hat unser Leben nur so kurz genossen. Und was Sarey angeht …«

Sie endete mit einem Seufzer. Crow schwieg wieder. Es gab einfach nichts zu sagen. In ihren frühen Jahren bei den Wahren hatte Andi Steiner mit verschiedenen Frauen geschlafen – nicht verwunderlich, der Steam ließ Neulinge immer besonders spitz werden –, aber die letzten zehn Jahre hatte sie mit Silent Sarey verbracht, und die beiden waren sich treu ergeben gewesen. In mancher Hinsicht war Andi eher Sareys Tochter gewesen als ihre Bettgefährtin.

»Sarey ist untröstlich«, sagte Rose. »Und Black-Eyed Susie vermisst Nut. Dieses kleine Biest wird dafür büßen müssen, dass es uns die drei weggenommen hat. So oder so, ihr Leben als Tölpel ist vorüber. Noch irgendwelche Fragen?«

Crow hatte keine.

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Crow Daddy erregte keine besondere Aufmerksamkeit, als er Anniston mit seinen schlafenden Fahrgästen auf dem alten Granite State Highway in Richtung Westen verließ. Mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen (scharfsichtige alte Damen und Kinder waren am schlimmsten) war das Amerika der Tölpel erstaunlich unachtsam, obwohl seit zwölf Jahren offiziell das dunkle Zeitalter des Terrorismus herrschte. Wann immer du was siehst, zeig es an war ein toller Slogan, aber zuerst musste man etwas sehen.

Als sie Vermont erreichten, wurde es dunkel, und die entgegenkommenden Fahrzeuge sahen nur Crows Scheinwerfer, die er absichtlich aufgeblendet ließ. Toady Slim hatte schon dreimal angerufen und ihn mit Wegbeschreibungen versorgt. Hauptsächlich benutzte er Nebenstraßen, oft sogar welche ohne Nummer. Außerdem hatte Toady ihm mitgeteilt, dass Diesel-Doug, Dirty Phil und Apron Annie unterwegs waren. Sie fuhren einen Caprice, Baujahr 2006, der zwar wie ein Schrotthaufen aussah, aber zweihundertsechzig PS unter der Haube hatte. Das Tempolimit war kein Problem, denn dank dem inzwischen verstorbenen Jimmy Numbers hatten sie Ausweise des Heimatschutzministeriums dabei, die jeder Prüfung standhalten würden.

Pea und Pod, die Little-Zwillinge, überwachten mithilfe des exzellenten Satellitenkommunikationssystems der Wahren den Polizeifunk im Nordosten, und bisher war nichts über ein gekidnapptes Mädchen zu hören gewesen. Das war erfreulich, kam aber nicht unerwartet. Freunde, die clever genug waren, einen Hinterhalt zu legen, hatten wahrscheinlich genug Grips zu wissen, was ihrem Schützling zustoßen konnte, wenn sie an die Öffentlichkeit gingen.

Gedämpft läutete ein anderes Telefon. Ohne den Blick von der Straße abzuwenden, beugte Crow sich über seine schlafenden Fahrgäste, griff ins Handschuhfach und fand das Handy. Zweifellos das von dem alten Knacker. Er hielt es sich vor die Nase. Auf dem Display tauchte kein Name auf, also war der Anrufer nicht im Adressbuch gespeichert, aber die Vorwahl wies auf eine Nummer aus New Hampshire hin. Einer der Beschützer, der wissen wollte, wie es Billy und dem Mädchen ging? Höchstwahrscheinlich.

Crow überlegte, ob er abheben sollte, entschied sich jedoch dagegen. Allerdings würde er sich später vergewissern, ob der Anrufer eine Nachricht hinterlassen hatte. Information war Macht.

Als er sich wieder nach rechts beugte, um das Telefon ins Handschuhfach zurückzulegen, berührte er etwas aus Metall. Er legte das Handy ins Fach und zog eine Pistole heraus. Ein netter Bonus und ein glücklicher Fund. Wäre der Alte irgendwie früher als erwartet aufgewacht, so hätte er möglicherweise nach der Waffe gegriffen, bevor Crow seine Absichten erkannt hätte. Crow schob die Glock unter seinen Sitz, dann klappte er das Handschuhfach wieder zu.

Waffen waren ebenfalls Macht.

11

Inzwischen war es ganz dunkel, und sie fuhren auf dem Highway 108 durch die Green Mountains, als Abra sich zu regen begann. Crow, der sich immer noch fantastisch lebendig und wach fühlte, hatte nichts dagegen. Zum einen war er neugierig. Und zum anderen bewegte die Benzinanzeige sich gegen null, und irgendjemand musste den Tank auffüllen.

Allerdings durfte er kein Risiko eingehen.

Mit der rechten Hand zog er eine der zwei übrigen Spritzen aus der Tasche und ließ die Hand damit auf dem Oberschenkel ruhen. Er wartete, bis die Augen des Mädchens – noch matt und benommen – sich geöffnet hatten. »Guten Abend, junge Dame«, sagte er dann. »Ich bin Henry Rothman. Verstehst du mich?«

»Sie sind …« Abra räusperte sich, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und setzte noch einmal zum Sprechen an. »Sie sind nicht Henry oder so. Sie sind Crow.«

»Dann weißt du also Bescheid. Das ist gut. Du fühlst dich gerade ziemlich matschig im Kopf, kann ich mir vorstellen, und dabei wird es auch bleiben, weil das nämlich ganz in meinem Sinn ist. Es wird aber nicht nötig sein, dich wieder vollständig schachmatt zu setzen, solange du schön brav bist. Hast du das kapiert?«

»Wo fahren wir hin?«

»Nach Hogwarts, um uns das internationale Quidditch-Turnier anzuschauen. Dort kaufe ich dir einen magischen Hotdog und eine Stange magische Zuckerwatte. Beantworte meine Frage. Wirst du schön brav sein?«

»Ja.«

»So eine unverzügliche Zustimmung ist Musik in meinen Ohren, aber du wirst mir verzeihen, wenn ich dir nicht ganz traue. Ich muss dir etwas Wichtiges mitteilen, damit du nichts Törichtes tust, was du hinterher bereuen könntest. Siehst du die Spritze, die ich hier habe?«

»Ja.« Abras Kopf lag immer noch am Fenster, aber ihr Blick war auf die Spritze gerichtet. Ihre Augen schlossen sich, dann gingen sie ganz langsam wieder auf. »Ich bin durstig.«

»Das liegt sicherlich an der Droge. Ich hab aber nichts zu trinken dabei, wir mussten etwas überstürzt aufbrechen …«

»Ich glaube, in meinem Rucksack ist noch ein Trinkpäckchen mit Saft.« Heiser. Leise und langsam. Immer noch öffneten die Augen sich nach jedem Blinzeln nur mit großer Mühe.

»Der ist leider in deiner Garage liegen geblieben. Eventuell bekommst du in dem nächsten Städtchen, das wir erreichen, etwas zu trinken – wenn du ein braves kleines Mädchen bist. Bist du jedoch ein böses kleines Mädchen, dann kannst du die restliche Nacht die eigene Spucke schlucken. Kapiert?«

»Ja …«

»Falls du auf die Idee kommen solltest, in meinem Kopf herumzustöbern – ja, ich weiß, dass du das kannst –, oder falls du versuchst, jemand auf uns aufmerksam zu machen, wenn wir anhalten, jage ich dem alten Herrn hier diese Spritze in den Leib. Zusammen mit dem, was er schon intus hat, wird er danach so tot wie Amy Winehouse sein. Haben wir uns da ebenfalls verstanden?«

»Ja.« Sie fuhr sich wieder mit der Zunge über die Lippen, dann rieb sie diese mit der Hand. »Tun Sie ihm bitte nicht weh.«

»Das hängt von dir ab.«

»Wo bringen Sie mich hin?«

»Goldlöckchen? Liebes?«

»Was?« Benommen blinzelte sie ihn an.

»Halt einfach die Klappe, und genieß die Fahrt.«

»Hogwarts«, sagte sie. »Zucker … watte.« Als sich diesmal die Augen schlossen, blieben die Lider unten. Sie begann leise zu schnarchen. Es war ein entspanntes Geräusch, irgendwie angenehm. Crow hatte zwar nicht den Eindruck, dass sie irgendetwas vortäuschte, hielt die Spritze jedoch weiterhin neben dem Bein des Alten, um auf Nummer sicher zu gehen. Wie Gollum einmal über Frodo Beutlin gesagt hatte, waren solche Leute tückisch, mein Schatz. Sehr tückisch sogar.

12

Abra verlor nicht vollständig die Besinnung; sie hörte noch den Motor des Pick-ups, aber der war weit weg. Er schien sich über ihr zu befinden. Dabei erinnerte sie sich daran, wie sie und ihre Eltern an heißen Sommernachmittagen zum Lake Winnipesaukee gefahren waren und wie man dort das ferne Dröhnen der Motorboote gehört hatte, wenn man den Kopf unter Wasser steckte. Sie wusste, dass man sie gekidnappt hatte, und sie wusste, dass das Anlass zur Besorgnis war, aber sie fühlte sich dennoch heiter und war damit zufrieden, zwischen Schlafen und Wachen zu schweben. Die Trockenheit in Mund und Kehle war allerdings entsetzlich. Ihre Zunge fühlte sich an wie ein Streifen staubiger Teppichboden.

Ich muss etwas unternehmen. Er wird mich zu der Frau mit dem Hut bringen, und ich muss etwas unternehmen. Wenn ich das nicht tue, bringen sie mich um, wie sie den Baseballjungen umgebracht haben. Oder sie tun mir was noch Schlimmeres an.

Ja, sie würde tatsächlich etwas unternehmen. Sobald sie etwas zu trinken bekommen hatte. Und sobald sie noch ein wenig geschlafen hatte …

Das Motorengeräusch war aus einem Dröhnen zu einem entfernten Summen geworden, als Licht durch ihre geschlossenen Augenlider drang. Dann verstummte das Geräusch vollständig, und Crow knuffte sie ins Bein. Zuerst leicht, dann stärker. So stark, dass es wehtat.

»Wach auf, Goldlöckchen. Du kannst später weiterschlafen.«

Mühsam öffnete sie die Augen und zuckte zusammen, weil alles so hell war. Sie standen neben einer Reihe von Zapfsäulen. Darüber brannten Neonlampen. Sie schirmte die Augen gegen das grelle Licht ab. Jetzt war sie nicht nur durstig, sie hatte auch noch Kopfschmerzen. Es war wie …

»Was ist denn so lustig, Goldlöckchen?«

»Hä?«

»Du lächelst.«

»Ich hab gerade rausgefunden, was mit mir los ist. Ich habe einen Kater.«

Crow überlegte kurz, dann grinste er. »Tja, das dürfte stimmen, und dabei hast du noch nicht mal einen Affen sitzen gehabt. Bist du wach genug, mich zu verstehen?«

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