»Ja.« Zumindest dachte sie das. Oh, aber das Dröhnen in ihrem Kopf. Furchtbar.
»Nimm das hier.«
Er hielt ihr etwas vor die Nase, wobei er mit der linken Hand am Körper vorbeigriff. In der rechten, die neben dem Bein von Mr. Freeman lag, hatte er immer noch die Spritze.
Abra kniff die Augen zusammen. Es war eine Kreditkarte. Mit einer Hand, die sich zu schwer anfühlte, griff sie danach. Als ihre Augen sich wieder schlossen, verpasste Crow ihr eine Ohrfeige. Ihre Augen flogen auf, weit und erschrocken. Sie war noch nie im Leben geschlagen worden, jedenfalls nicht von einem Erwachsenen. Allerdings war sie auch noch nie gekidnappt worden.
»Au! Au!«
»Steig aus. Folg den Anweisungen an der Zapfsäule – du bist ein kluges Kind, das schaffst du bestimmt –, und füll den Tank. Dann hängst du die Zapfpistole auf und steigst wieder ein. Wenn du das alles wie ein braves kleines Goldlöckchen erledigst, dann fahren wir nachher zu dem Getränkeautomaten da drüben.« Er deutete auf die hintere Ecke des Gebäudes mit dem Shop. »Dort kannst du dir eine schöne, große Cola besorgen. Oder Mineralwasser, wenn dir das lieber ist; ich sehe mit meinen Äuglein, dass man das da wahrscheinlich bekommt. Wenn du jedoch ein böses kleines Goldlöckchen bist, bringe ich den alten Knacker hier um und gehe dann in den Shop, um den Knaben an der Kasse zu erschießen. Ganz einfach. Dein Freund hatte eine Pistole, die sich jetzt in meinem Besitz befindet. Wenn ich da reingehen muss, nehme ich dich mit, damit du zusehen kannst, wie das Gehirn des besagten Knaben in alle Richtungen spritzt. Es liegt also ganz an dir, okay? Kapiert?«
»Ja«, sagte Abra. Sie war jetzt etwas wacher. »Kann ich eine Cola und ein Wasser haben?«
Diesmal war sein Grinsen breit und liebenswürdig. Trotz ihrer Situation, trotz ihren Kopfschmerzen, ja sogar trotz der Ohrfeige, die er ihr verpasst hatte, fand Abra es charmant. Wahrscheinlich taten das viele Leute, vor allem Frauen. »Ein bisschen gierig, aber so was ist nicht immer negativ«, sagte er. »Sehen wir mal, wie brav du sein kannst.«
Sie löste den Verschluss ihres Gurts – dazu brauchte sie drei Versuche, schaffte es jedoch schließlich – und öffnete die Tür. Bevor sie ausstieg, sagte sie: »Hören Sie auf, Goldlöckchen zu mir zu sagen. Sie kennen meinen Namen, und ich kenne Ihren.«
Bevor er etwas erwidern konnte, schlug sie die Tür zu und trat (leicht schwankend) zur Zapfsäule. Sie hatte nicht nur Steam, sondern auch ganz schön Mumm. Fast hätte er sie bewundert. Aber angesichts dessen, was mit Snake, Walnut und Jimmy geschehen war, war fast das höchste der Gefühle.
13
Zuerst konnte Abra die Anweisungen nicht lesen, weil die Buchstaben sich ständig verdoppelten und umherrutschten. Als sie die Augen zusammenkniff, wurde die Schrift deutlicher. Crow beobachtete sie. Sie spürte seinen Blick wie ein feines, warmes Gewicht an ihrem Hinterkopf.
(Dan?)
Kein Kontakt, was sie nicht überraschte. Wie konnte sie hoffen, Dan zu erreichen, wenn sie kaum herausbekam, wie man mit dieser dämlichen Zapfsäule umging? In ihrem ganzen Leben hatte sie sich nie weniger hellsichtig gefühlt.
Nach einer Weile gelang es ihr schließlich, die Pumpe in Gang zu bringen, nachdem sie die Kreditkarte beim ersten Mal verkehrt herum eingesteckt und wieder von vorn hatte anfangen müssen. Das Tanken schien ewig zu dauern, aber die Mündung der Zapfpistole war mit einer Gummimanschette ausgerüstet, um die Dämpfe zurückzuhalten, und in der Nachtluft bekam Abra einen klareren Kopf. Am Himmel standen Milliarden Sterne. Normalerweise weckten die mit ihrer Schönheit und Fülle ein ehrfürchtiges Gefühl in Abra, aber heute machte es ihr nur Angst, sie zu betrachten. Sie waren ganz weit weg. Sie sahen Abra Stone nicht.
Als der Tank endlich voll war, studierte sie mit zusammengekniffenen Augen den neuen Text, der auf dem Display erschienen war. Sie drehte sich zu Crow um. »Wollen Sie eine Quittung?«
»Ich glaube, darauf können wir verzichten, meinst du nicht?« Crow setzte wieder sein umwerfendes Lächeln auf, das einen einfach glücklich machte, wenn man es hervorgerufen hatte. Bestimmt hatte er eine Menge Freundinnen.
Nein. Er hat nur eine. Seine Freundin ist die Frau mit dem Hut. Rose. Wenn er noch eine andere hätte, würde Rose die umbringen. Wahrscheinlich mit ihren Zähnen und Fingernägeln.
Sie trottete zur Beifahrertür zurück und stieg ein.
»Das war großartig«, sagte Crow. »Du kriegst den Hauptgewinn – eine Cola und ein Mineralwasser. Na … was sagt man da zu seinem Daddy?«
»Danke«, sagte Abra teilnahmslos. »Aber Sie sind nicht mein Daddy.«
»Wieso nicht? Für Mädchen, die nett zu mir sind, kann ich ein richtig guter Daddy sein. Für brave Mädchen.« Er stoppte den Wagen vor dem Getränkeautomaten und gab Abra einen Fünfdollarschein. »Bring mir eine Fanta mit, wenn’s so was gibt. Wenn nicht, auch eine Cola.«
»Sie trinken Fanta wie ganz normale Menschen?«
Er zog eine gespielt gekränkte Miene. »Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?«
»Shakespeare, stimmt’s?« Sie rieb sich wieder den Mund. »Romeo und Julia.«
»Der Kaufmann von Venedig, Dummerchen«, sagte Crow … aber mit einem Lächeln. »Wie es weitergeht, weißt du wahrscheinlich nicht, oder?«
Sie schüttelte den Kopf. Das war ein Fehler. Das Pochen in ihrem Kopf, das allmählich nachgelassen hatte, war wieder voll da.
»Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?« Er tippte mit der Nadel der Spritze an Mr. Freemans Bein. »Denk darüber nach, während du unsere Getränke holst.«
14
Er beobachtete sie genau, während sie den Automaten betätigte. Die Tankstelle befand sich am bewaldeten Rand einer Kleinstadt, und es bestand ein gewisses Risiko, dass die Kleine auf die Idee kam, den alten Knacker seinem Schicksal zu überlassen und auf die Bäume zuzurennen. Crow dachte an die Pistole, ließ sie jedoch liegen, wo sie war. Angesichts von Abras Zustand war es vermutlich kein großes Problem, sie einzuholen. Aber sie warf nicht einmal einen Blick in Richtung Wald. Sie schob den Geldschein in den Automaten und holte die Getränke heraus, eines nach dem anderen, wobei sie einen Augenblick pausierte, um einen tiefen Zug aus der Flasche Wasser zu nehmen. Dann kam sie zurück und öffnete die Beifahrertür, stieg aber nicht ein. Sie deutete auf die Seite des Shops.
»Ich muss pinkeln.«
Crow war perplex. Daran hatte er nicht gedacht, obwohl es zu erwarten gewesen war. Sie hatte unter Drogen gestanden, und nun musste ihr Körper sich von dem Gift reinigen. »Kannst du damit nicht noch ein bisschen warten?« Bestimmt würde ein paar Meilen weiter ein Rastplatz kommen, an dem er halten und sie hinter einen Busch gehen lassen konnte. Solange er ihren Schopf dahinter sah, war das in Ordnung.
Aber sie schüttelte den Kopf. Natürlich tat sie das.
Er dachte nach. »Okay, hör zu. Du kannst in die Damentoilette gehen, wenn sie nicht abgeschlossen ist. Sonst musst du hinter dem Haus verschwinden und dort pinkeln. Reingehen und nach dem Schlüssel fragen lasse ich dich jedenfalls nicht.«
»Und wenn ich hinters Haus muss, werden Sie mich beobachten, stimmt’s? Perversling.«
»Da steht bestimmt ein Müllcontainer, hinter den du dich hocken kannst. Es wäre zwar kaum auszuhalten, deinen süßen kleinen Hintern nicht zu Gesicht zu bekommen, aber ich werd’s überleben. Und jetzt steig ein.«
»Aber Sie haben doch gesagt …«
»Steig ein, oder ich sag wieder Goldlöckchen zu dir.«
Sie gehorchte, und er lenkte den Wagen neben die Toilettentüren, ohne diese vollständig zu blockieren. »Jetzt streck die Hand aus.«
»Wieso?«
»Tu’s einfach.«
Widerstrebend streckte sie ihm eine Hand hin. Er nahm sie. Als sie die Spritze sah, wollte sie ihm die Hand wieder entreißen.
»Keine Sorge, nur ein Tröpfchen. Schließlich darfst du nicht auf schlimme Gedanken kommen, stimmt’s? Oder welche irgendwohin senden. Du kannst sowieso nichts dagegen unternehmen, also mach keine Fisimatenten.«
Sie gab ihren Widerstand auf. Es war leichter, es einfach geschehen zu lassen. Sie spürte einen kurzen Stich auf ihrem Handrücken, dann ließ Crow sie los. »Auf jetzt«, sagte er. »Mach Pipi, und zwar zackig. Nicht umsonst heißt es in einem alten Countrysong: ›We’ve got a long way to go and a short time to get there.‹«
»Den Song kenne ich nicht.«
»Kein Wunder. Schließlich kannst du nicht mal den Kaufmann von Venedig und Romeo und Julia auseinanderhalten.«
»Sie sind gemein.«
»Muss ich nicht sein«, sagte er.
Sie stieg aus, blieb einen Moment neben dem Wagen stehen und atmete tief durch.
»Abra?«
Sie sah ihn an.
»Versuch nicht, dich einzuschließen. Du weißt ja, wer dafür büßen müsste, oder?« Er tätschelte Billy Freeman das Bein.
Sie wusste es.
Ihr Kopf, der allmählich klarer geworden war, umnebelte sich wieder. Hinter dem charmanten Grinsen verbarg sich ein grässlicher Mensch – ein grässliches Ding. Und clever war er. Er dachte an alles. Sie griff nach der Toilettentür, die sich ohne Weiteres öffnen ließ. Wenigstens musste sie nicht draußen ins Unkraut pinkeln, das war doch schon was. Sie ging hinein, zog die Tür zu und erleichterte sich. Dann blieb sie einfach auf der Toilette sitzen und ließ benommen den Kopf hängen. Sie erinnerte sich daran, wie sie im Bad von Emmas Haus törichterweise geglaubt hatte, alles würde glattgehen. Wie lange das nun scheinbar schon her war.