Doctor Sleep - Страница 86


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Die drei Männer schwiegen, während die Riv den Wald verließ und die letzten zwei Meilen bis Teenytown in Angriff nahm. Dan versuchte erneut, Abra zu erreichen. Obwohl er alle Energie, die er aufbrachte, in seine mentale Stimme legte, erhielt er keine Antwort. Wahrscheinlich hatte der Mann, den sie als Crow bezeichnete, sie irgendwie ausgeknockt. Die drei im Winnebago hatten Injektionsspritzen dabeigehabt. Wahrscheinlich hatte Crow auch welche dabei.

Du wirst dich an das erinnern, was vergessen war.

Der Ursprung dieses Gedankens lag weit hinten in seinem Kopf, wo er die Schließfächer mit den furchtbaren Erinnerungen an das Overlook und die darin hausenden Geister verwahrte.

»Es war der Kessel.«

Vom Schaffnersitz aus starrte Dave ihn an. »Was?«

»Nichts.«

Die Heizungsanlage des Overlooks war uralt gewesen. Deshalb musste der Dampfdruck in regelmäßigem Abstand gesenkt werden, sonst stieg er so stark an, dass der Kessel explodieren und das gesamte Hotel in die Luft sprengen konnte. Als Jack Torrance immer tiefer im Wahnsinn versunken war, hatte er das vergessen, aber sein kleiner Sohn war gewarnt worden. Von Tony.

War dies wieder eine Warnung oder nur eine peinigende Erinnerung, hervorgerufen durch Stress und Schuldgefühle? Schuldig fühlte Dan sich nämlich allemal. Abra wäre zwar in jedem Fall ins Fadenkreuz des Wahren Knotens geraten, da hatte John schon recht, aber solche rationalen Schlussfolgerungen hatten keinerlei Auswirkungen auf Dans Gefühle. Es war sein Plan gewesen, der Plan war fehlgeschlagen, und deshalb war er verantwortlich.

Du wirst dich an das erinnern, was vergessen war.

War das die Stimme seines alten Freundes, die versuchte, ihm etwas über die derzeitige Lage mitzuteilen, oder war es nur das Grammophon?

2

Dave und John fuhren gemeinsam zum Haus der Stones zurück. Dan, der in seinem Wagen folgte, war froh, mit seinen Gedanken allein zu sein. Es brachte allerdings nicht viel. Er war sich ziemlich sicher, dass da etwas war, etwas Reales, aber es kam einfach nicht zum Vorschein. Er versuchte sogar, Tony zu rufen, was er seit seiner Jugend nicht mehr getan hatte. Aber auch damit erreichte er nicht das Geringste.

Billys Pick-up stand nicht mehr am Richland Court. Das wunderte Dan nicht. Der Stoßtrupp des Wahren Knotens war offenbar gemeinsam mit dem Winnebago gekommen. Wenn man Crow in Anniston abgesetzt hatte, dann war er zu Fuß gewesen und hatte ein Fahrzeug gebraucht.

Die Garage stand offen. Noch bevor Johns Wagen ganz zum Stehen gekommen war, sprang Dave heraus und rannte – Abras Namen rufend – hinein. Von den Scheinwerfern von Johns Suburban in grelles Licht getaucht wie ein Schauspieler auf der Bühne, hob er etwas vom Boden auf und stieß einen Laut aus, der ein Mittelding zwischen Stöhnen und Schrei war. Als Dan neben dem SUV stoppte, sah er, was es war: Abras Rucksack.

In diesem Augenblick stieg ein Verlangen nach Alkohol in Dan auf, noch stärker als an dem Abend, an dem er John vom Parkplatz der Cowboy-Kneipe aus angerufen hatte, stärker als in all den Jahren, seit er bei seinem ersten AA-Treffen einen weißen Chip bekommen hatte. Er spürte den Drang, seinen Wagen einfach zurückzustoßen, ohne auf etwaige Rufe der anderen zu achten, und nach Frazier zu fahren. Dort gab es eine Kneipe namens Bull Moose. Er war schon oft daran vorbeigefahren und hatte dabei immer die typischen Spekulationen eines früheren Säufers angestellt: Wie es da drin wohl aussah? Welche Sorte Bier gab’s vom Fass? Was für Musik lief in der Jukebox? Was für Whiskey stand auf dem Regal hinter dem Tresen, und was war die Hausmarke? Waren irgendwelche gut aussehenden Frauen da? Und wie würde wohl der erste Schluck schmecken? Hätte man dabei das Gefühl, endlich nach Hause gekommen zu sein? Er konnte zumindest einige dieser Fragen klären, bevor Dave Stone die Polizei rief und man ihn verhaftete, um ihn über ein gewisses verschwundenes Mädchen zu befragen.

Irgendwann wird eine Zeit kommen, hatte Casey ihm in den ersten, dramatischen Tagen gesagt, in der deine mentalen Schutzmaßnahmen versagen, und dann wird deine höhere Macht das Einzige sein, was noch zwischen dir und einem Glas Schnaps steht.

Mit der Vorstellung einer höheren Macht hatte Dan keine Probleme, weil er über ein paar Insiderinformationen verfügte. Gott blieb zwar eine unbewiesene Hypothese, aber Dan wusste, dass es tatsächlich eine andere Ebene der Existenz gab. Wie Abra hatte Dan die Geisterleute gesehen. Daher lag Gott durchaus im Bereich des Möglichen. Angesichts der kurzen Blicke, die Dan in die Welt jenseits der Welt geworfen hatte, fand Dan dessen Existenz sogar wahrscheinlich … allerdings: Welche Art Gott saß einfach daneben, während sich ein solcher Scheiß ereignete?

Als ob du der Erste wärst, der diese Frage stellt, dachte er.

Casey Kingsley hatte ihn aufgefordert, sich zweimal am Tag auf den Boden zu knien, um morgens um Hilfe zu bitten und abends danke zu sagen. Das sind die ersten drei Schritte: Ich kann nicht, Gott kann, überlass es ihm! Denk nicht zu viel darüber nach.

Neulingen, die zögerten, diesen Rat anzunehmen, erzählte Casey gern eine Geschichte über den Filmregisseur John Waters. In Pink Flamingos, einem von dessen frühen Filmen, hatte Divine, Dragqueen und Hauptdarsteller, ein Stück Hundekot gegessen. Noch Jahre später löcherte man Waters wegen diesem glorreichen Moment der Filmgeschichte. Schließlich hatte er genug. »Es war bloß ein kleines Stück Hundescheiße«, sagte er zu einem Reporter. »Und trotzdem hat es Divine zum Star gemacht.«

Knie dich deshalb hin und bitte um Hilfe, auch wenn es dir nicht passt, endete Casey immer. Schließlich ist es bloß ein kleines Stück Hundescheiße.

Am Lenkrad seines Wagens konnte Dan sich nicht gut hinknien, aber abgesehen davon nahm er die automatische Standardhaltung seines morgendlichen und abendlichen Gebets an. Er schloss die Augen und presste sich eine Hand an die Lippen, als wollte er jedes Tröpfchen des verführerischen Gifts fernhalten, das zwanzig Jahre seines Lebens verwüstet hatte.

Gott, hilf mir, nicht zu tri…

Er kam nur so weit, bis das Licht durchbrach.

Es war, was Dave Stone auf dem Weg zum Wolkentor gesagt hatte. Es war Abras zorniges Lächeln (er fragte sich, ob Crow dieses Lächeln wohl schon gesehen und – falls ja – wie er es interpretiert hatte). Vor allem aber war es das Gefühl seiner eigenen Haut, seiner Lippen, die sich an die Zähne pressten.

»Um Himmels willen«, flüsterte er. Als er aus dem Wagen stieg, gaben seine Beine nach. Dadurch sank er nun doch noch auf die Knie, erhob jedoch sofort wieder und lief in die Garage, wo die beiden anderen dastanden und auf Abras verlassenen Rucksack starrten.

Dan packte Dave Stone an der Schulter. »Rufen Sie Ihre Frau an. Sagen Sie ihr, dass Sie sie besuchen kommen.«

»Dann wird sie wissen wollen, worum es geht«, sagte Dave. Sein zitternder Mund und sein gesenkter Blick verrieten, wie sehr er sich vor diesem Gespräch fürchtete. »Sie übernachtet in Chettas Wohnung. Ich erzähle ihr … Mensch, ich hab keine Ahnung, was ich ihr erzählen soll!«

Dan verstärkte den Griff um Daves Schulter, bis dieser den Blick hob und ihn ansah. »Wir fahren alle gemeinsam nach Boston, aber John und ich haben dort etwas anderes zu erledigen.«

»Etwas anderes? Ich verstehe nicht.«

Dan verstand. Nicht alles, aber viel.

3

Sie nahmen Johns Suburban. Dave saß auf dem Beifahrersitz, Dan lag hinten, den Kopf auf einer Armlehne, die Füße auf dem Boden.

»Lucy hat ständig versucht, mir aus der Nase zu ziehen, worum es geht«, sagte Dave. »Sie hat gesagt, ich mache ihr Angst. Und natürlich dachte sie, dass es um Abra geht, weil sie ein bisschen von deren Gabe besitzt. Das hab ich schon immer gewusst. Ich hab ihr gesagt, Abby würde bei Emma übernachten. Wisst ihr, wie oft ich meine Frau angelogen habe, seit wir verheiratet sind? Das könnte ich an einer Hand abzählen, und in drei Fällen ging es darum, wie viel ich bei den Pokerrunden verloren habe, die der Dekan meiner Fakultät immer am Donnerstagabend veranstaltet. So was wie jetzt hab ich noch nie getan. Und in kaum drei Stunden werde ich damit konfrontiert.«

Natürlich wussten Dan und John, was Dave über Abra erzählt hatte und wie aufgebracht Lucy gewesen war, weil ihr Mann beharrlich behauptet hatte, die Angelegenheit sei zu wichtig und zu komplex, um am Telefon darüber zu sprechen. Schließlich waren sie beide während des Anrufs in der Küche gewesen. Aber Dave musste sich aussprechen. Das, was er empfand, mit den anderen teilen, wie es im AA-Jargon hieß. John kümmerte sich um die nötige Rückmeldung, indem er Dinge wie Mhm und Ich weiß und Versteh ich sagte.

Irgendwann brach Dave mitten im Satz ab und drehte sich zum Rücksitz um. »Sagen Sie mal, schlafen Sie etwa gerade?«

»Nein«, sagte Dan, ohne die Augen zu öffnen. »Ich versuche, Kontakt zu Ihrer Tochter aufzunehmen.«

Das setzte Daves Monolog ein Ende. Nun hörte man nur noch das Summen der Reifen, während der Suburban auf der Route 16 durch eine Reihe kleiner Städte nach Süden fuhr. Es herrschte nicht viel Verkehr, und sobald aus den zwei Fahrspuren vier wurden, hielt John die Tachonadel kontinuierlich auf sechzig Meilen.

Dan bemühte sich nicht, Abra zu rufen; er war sich nicht sicher, ob das überhaupt funktioniert hätte. Stattdessen versuchte er, seine Gedanken voll und ganz zu öffnen. Sich in einen Horchposten zu verwandeln. So etwas hatte er noch nie versucht, und das Ergebnis war regelrecht unheimlich. Es war, als hätte er den stärksten Kopfhörer der Welt aufgesetzt. Er hörte ein stetes, leises Rauschen und hatte den Eindruck, dass es sich um das Summen menschlicher Gedanken handelte. Er hielt sich bereit, irgendwo in dieser kontinuierlich wogenden Brandung Abras Stimme zu hören, obwohl er es eigentlich nicht erwartete. Aber was konnte er sonst tun?

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