Doctor Sleep - Страница 88


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»Was machst du da mit mir?«

»Was du verdienst. Daddy.«

Der Pick-up kollidierte mit einem umgestürzten Birkenstamm, zerlegte ihn in zwei Teile und blieb stehen. Das Mädchen und der Alte waren angeschnallt, aber Crow hatte seinen Gurt vergessen. Er prallte vorwärts ans Lenkrad, wodurch er ungewollt die Hupe betätigte. Als er den Blick senkte, sah er, dass die Pistole des Alten sich in seiner Faust drehte. Ganz langsam drehte sie sich auf ihn zu. So etwas hätte eigentlich nicht geschehen dürfen; die Droge hätte es verhindern sollen. Verdammt, die Droge hatte es ja auch verhindert. Aber vorhin, in der Toilette, hatte sich etwas verändert. Wer immer jetzt hinter diesen Augen steckte, war bei völlig klarem Verstand.

Und furchtbar stark.

Rose! Rose, hilf mir!

»Ich glaube nicht, dass sie dich hören kann«, sagte die Stimme, die nicht Abra gehörte. »Gewisse Gaben magst du ja haben, du Bastard, aber was Telepathie angeht, bringst du offenbar nicht viel zustande. Wenn du mit deiner Freundin sprechen willst, musst du wohl das Telefon nehmen.«

Mit aller Kraft versuchte Crow die Pistole wieder in die andere Richtung zu drehen. Nun schien sie zwanzig Kilo zu wiegen. Seine Halssehnen strafften sich wie Kabel. Auf seiner Stirn bildeten sich Schweißtropfen, von denen ihm einer ins Auge rann. Das brannte, aber Crow blinzelte es weg.

»Ich … erschieße … deinen Freund da«, sagte er.

»Nein«, sagte die Person im Innern von Abra. »Das lasse ich nicht zu.«

Aber Crow merkte, dass der andere sich nun anstrengen musste, und das machte ihm Hoffnung. Er steckte alles, was ihm zu Gebote stand, in den Versuch, die Mündung der Pistole auf den Bauch des Alten zu richten, und hatte es schon fast geschafft, als die Waffe sich wieder in die andere Richtung zu drehen begann. Nun konnte er das kleine Miststück keuchen hören. Verdammt, er keuchte ebenfalls. Es hörte sich an wie zwei Marathonläufer, die sich nebeneinander der Ziellinie näherten.

Ein Wagen fuhr vorbei, ohne abzubremsen. Keiner der beiden bemerkte es. Sie blickten sich unverwandt an.

Crow senkte die linke Hand, um die rechte zu fassen und zu unterstützen. Jetzt ließ die Pistole sich wieder etwas leichter drehen. Er würde sich durchsetzen, bei Gott. Aber seine Augen! Aaah!

»Billy!«, rief Abra. »Billy, du musst uns helfen!«

Billy schnaubte. Er öffnete die Augen. »Was war …«

Einen Moment lang war Crow abgelenkt. Die Kraft, die er ausübte, ließ nach, worauf die Waffe sich sofort wieder auf ihn zudrehte. Seine Hände waren kalt, eiskalt. Außerdem pressten die Metallringe sich auf seine Augen und drohten, diese in Gelee zu verwandeln.

Der erste Schuss löste sich, als die Pistole gerade in der Mitte war. Knapp über dem Radio blies er ein Loch ins Armaturenbrett. Abrupt kam Billy zu sich. Er schlug mit den Armen um sich wie jemand, der aus einem Albtraum erwachte. Mit einer Hand traf er Abra an der Schläfe, die andere prallte Crow an die Brust. Die Kabine war von blauem Dunst und dem Gestank von verbranntem Schießpulver erfüllt.

»Was war das? Was zum Teufel war …«

»Nein!«, knurrte Crow. »Nein, du Aas! Nein!«

Er drehte die Waffe wieder nach rechts, und während er das tat, spürte er, wie Abra allmählich die Kontrolle verlor. Das musste der Schlag an ihren Kopf gewesen sein. Crow sah Bestürzung und Furcht in ihren Augen und spürte eine wilde Freude.

Muss sie töten. Darf ihr keine weitere Chance geben. Aber kein Kopfschuss. In den Bauch. Dann sauge ich den Steam …

Billy rammte Crow seine Schulter in die Seite. Die Waffe zuckte nach oben und ging zum zweiten Mal los. Diesmal schlug das Geschoss direkt über Abras Kopf ein Loch ins Dach. Bevor Crow die Waffe wieder tiefer richten konnte, legten sich riesenhafte Hände auf seine. Er hatte noch Zeit für die Erkenntnis, dass sein Gegner bisher nur einen Bruchteil der Kraft verwendet hatte, die ihm zur Verfügung stand. Durch die Panik hatte sich ihm eine große, vielleicht sogar unermessliche Reserve erschlossen. Als die Pistole sich diesmal auf ihn zudrehte, brachen Crows Handgelenke wie morsches Holz. Einen Moment lang sah er, wie ihn ein einzelnes schwarzes Auge anstarrte, und es war Zeit für einen halben Gedanken:

(Rose ich liebe d…)

Ein greller weißer Blitz, dann Dunkelheit. Vier Sekunden später war nichts mehr von Crow Daddy übrig als seine Klamotten.

7

Steamhead Steve, Baba the Red, Bent Dick und Greedy G spielten in dem Bounder, den Greedy und Dirty Phil sich teilten, unkonzentriert Canasta, als die Schreie ertönten. Da die vier extrem nervös waren – was momentan auf den ganzen Wahren Knoten zutraf –, ließen sie sofort ihre Karten fallen und stürzten zur Tür.

Alle kamen aus ihren Wohnwagen, um nachzusehen, was los war, erstarrten jedoch bei dem Anblick von Rose the Hat, die im strahlend hellen, gelbweißen Licht der rund um die Overlook Lodge angebrachten Strahler stand. Rose’ Augen stierten wild umher, während sie wie eine alttestamentarische Prophetin, die von einer gewaltsamen Vision ergriffen war, an ihren Haaren zerrte.

»Dieses verfluchte Aas hat meinen Crow getötet!«, kreischte sie. »Ich bringe sie um! ICH BRINGE SIE UM UND VERSCHLINGE IHR HERZ!«

Dann sank sie auf die Knie, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte.

Betäubt stand der Wahre Knoten da. Niemand wusste, was er sagen oder tun sollte. Schließlich trat Silent Sarey zu Rose, wurde von ihr jedoch rüde weggestoßen. Sarey landete auf dem Rücken, stand auf und ging zu Rose zurück, ohne zu zögern. Diesmal hob Rose den Kopf und sah, wer sie trösten wollte: eine Frau, die in dieser unfassbaren Nacht ebenfalls einen schweren Verlust erlitten hatte. Sie umarmte Sarey und drückte sie so fest an sich, dass die anderen Knochen knacken hörten. Aber Sarey wehrte sich nicht, und nach einigen Augenblicken halfen die beiden Frauen sich gegenseitig auf die Beine. Rose blickte von Sarey auf Big Mo, dann auf Heavy Mary und Token Charlie. Es war, als hätte sie ihre Gefährten noch nie gesehen.

»Komm, Rosie«, sagte Mo. »Das war ein schlimmer Schock. Du musst dich hinlegen und …«

»NEIN!«

Sie trat von Silent Sarey weg und klatschte sich die Hände an die Wangen. Der heftige Doppelschlag stieß ihr den Hut vom Kopf. Sie bückte sich, um ihn aufzuheben, und als sie den Blick über die versammelten Wahren schweifen ließ, stand wieder etwas Vernunft in ihren Augen. Sie dachte an Diesel-Doug, Dirty Phil und Apron Annie, die sie ausgeschickt hatte, um Crow Daddy entgegenzufahren.

»Ich muss mit Diesel sprechen. Ihm sagen, dass er und die anderen umkehren sollen. Wir müssen jetzt alle zusammen sein. Wir müssen Steam nehmen. Eine Menge. Sobald wir voll davon sind, werden wir uns dieses Miststück holen

Die anderen sahen sie nur mit besorgter, unsicherer Miene an. Der Anblick all dieser furchtsamen Augen und dämlich gaffenden Münder machte Rose wütend.

»Habt ihr etwa Zweifel an mir?« Silent Sarey hatte sich wieder neben sie geschlichen. Rose stieß sie so heftig weg, dass Sarey fast zum zweiten Mal zu Boden gegangen wäre. »Wer Zweifel an mir hat, der trete vor!«

»Niemand hat Zweifel an dir, Rose«, sagte Steamhead Steve. »Aber vielleicht sollten wir trotzdem die Finger von diesem Mädchen lassen.« Er sprach mit Bedacht und schaffte es nicht ganz, Rose in die Augen zu blicken. »Wenn Crow tatsächlich hinüber ist, dann sind es jetzt schon fünf Tote. Wir haben noch nie fünf Leute an einem Tag verloren. Nicht mal in …«

Rose machte einen Schritt vorwärts, worauf Steve sofort zurückwich und die Schultern wie ein Kind, das eine Ohrfeige erwartete, bis zu den Ohren hochzog. »Wollt ihr etwa vor einem Mädchen wegrennen? Nach all den Jahren wollt ihr den Schwanz einziehen und vor einem Tölpel Reißaus nehmen?«

Niemand traute sich, etwas zu erwidern, Steve am allerwenigsten, aber in den Augen ihrer Gefährten sah Rose die Wahrheit. Sie wollten klein beigeben. Das wollten sie tatsächlich. Sie hatten viele gute Jahre hinter sich. Fette Jahre. Jahre, in denen sie leichte Beute gemacht hatten. Nun waren sie auf jemand gestoßen, der nicht nur außergewöhnlich viel Steam hatte, sondern auch wusste, wer sie waren und was sie taten. Statt Crow Daddy – der sie gemeinsam mit Rose durch gute und schlechte Zeiten geführt hatte – zu rächen, wollten sie den Schwanz einziehen und sich jaulend davonschleichen. In diesem Augenblick wollte Rose sie am liebsten alle umbringen. Das spürten sie und wichen weiter zurück, um ihr mehr Platz zu lassen.

Alle außer Silent Sarey, die Rose wie hypnotisiert anstarrte. Ihr Mund stand sperrangelweit offen. Rose packte sie an den dürren Schultern.

»Nein, Rosie!«, kreischte Mo. »Tu ihr nicht weh!«

»Wie steht’s mit dir, Sarey? Dieses Mädchen ist für den Mord an der Frau verantwortlich, die du geliebt hast. Willst du da auch die Flucht ergreifen?«

»Nee«, sagte Sarey. Sie sah Rose direkt in die Augen. Selbst jetzt, da alle sie beobachteten, war Sarey kaum mehr als ein Schatten.

»Willst du es diesem Aas heimzahlen?«

»Lawoll«, sagte Sarey. Und dann: »Lache.«

Sie hatte eine leise Stimme (fast eine Stimme, die keine war) und einen Sprachfehler, aber alle hörten sie, und alle wussten, was sie sagte.

Rose sah sich um. »Wer von euch nicht will, was Sarey will, wer sich bloß auf den Bauch schmeißen und davonkriechen will …«

Sie drehte sich zu Big Mo um und packte deren schwabbeligen Arm. Vor Furcht und Überraschung kreischte Mo auf und versuchte, sich ihr zu entziehen. Rose hielt den Arm fest und hob ihn an, damit die anderen ihn sehen konnten. Er war mit roten Flecken bedeckt. »Könnt ihr wirklich vor dem da wegkriechen?«

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