Doctor Sleep - Страница 89


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Murmelnd wichen die anderen ein oder zwei Schritte weiter zurück.

»Es ist in uns«, sagte Rose.

»Die meisten von uns sind gesund!«, rief Sweet Terri Pickford. »Ich hab nichts! Nicht ein einziges Fleckchen!« Demonstrativ streckte sie ihre glatten Arme aus.

Rose richtete ihre brennenden, tränennassen Augen auf Terri. »Ja, jetzt. Aber wie lange noch?« Terri erwiderte nichts, wendete jedoch das Gesicht ab.

Rose legte den Arm um Silent Sarey und ließ den Blick über die anderen schweifen. »Walnut hat gesagt, dieses Mädchen ist vielleicht unsere einzige Chance, die Krankheit loszuwerden, bevor wir uns alle angesteckt haben. Weiß irgendjemand hier was Besseres? Falls ja, soll er es sagen!«

Niemand meldete sich.

»Wir werden warten, bis Diesel, Annie und Dirty Phil wieder da sind, dann nehmen wir Steam. So viel Steam wie noch nie. Wir werden die Flaschen leeren!«

Darauf reagierten die anderen mit überraschten Blicken und weiterem unruhigem Gemurmel. Ob die sie wohl für verrückt hielten? Sollten sie doch. Es waren nicht nur die Masern, die sich in den Wahren Knoten hineinfraßen, es war auch blanke Furcht, und das war wesentlich schlimmer.

»Wenn wir alle zusammen sind, werden wir einen Kreis bilden. Wir werden stark werden. Lodsam hanti, wir sind die Auserwählten – habt ihr das etwa vergessen? Sabbatha hanti, wir sind der Wahre Knoten, und wir dauern fort. Sagt es mit mir zusammen.« Ihre Blicke bohrten sich in die anderen. »Sagt es!«

Sie sagten es, nachdem sie sich an den Händen genommen und einen Kreis gebildet hatten. Wir sind der Wahre Knoten, und wir dauern fort. Ein Fünkchen Entschlossenheit trat in ihre Augen. Ein wenig Zuversicht. Schließlich waren die Flecke erst an etwa einem halben Dutzend aufgetreten, also war noch Zeit.

Rose und Silent Sarey gingen auf den Kreis zu. Terri und Baba ließen sich los, damit sich die beiden einreihen konnten, aber Rose führte Sarey in die Mitte. Im Licht der versetzt stehenden Strahler warfen die Gestalten der beiden Frauen mehrere Schatten, die wie die Speichen eines Rads aussahen. »Wenn wir stark sind – wenn wir wieder eins sind –, dann werden wir dieses Mädchen finden und ergreifen. Das sage ich euch als eure Anführerin. Und selbst wenn ihr Steam die Krankheit, die uns verzehrt, nicht heilt, wird es wenigstens das Ende dieses verfluchten …«

Da sprach das Mädchen im Innern ihres Kopfs. Das zornige Lächeln von Abra Stone konnte Rose zwar nicht sehen, aber sie spürte es.

(spar dir die Mühe zu mir zu kommen Rose)

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Auf dem Rücksitz von John Daltons Suburban sprach Dan Torrance mit Abras Stimme vier klare Wörter.

»Ich komme zu dir.«

9

»Billy? Billy!«

Billy Freeman stierte das Mädchen an, das sich nicht so recht wie ein Mädchen anhörte. Erst sah er es doppelt, dann scharf, dann wieder doppelt. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Seine Augenlider fühlten sich schwer an, und seine Gedanken schienen irgendwie zusammenzukleben. Er kapierte überhaupt nicht, was los war. Auf jeden Fall war es nicht mehr hell, und in Abras Straße waren sie definitiv auch nicht mehr. »Wer ballert da in der Gegend rum? Und wer hat mir ins Maul geschissen? Menschenskind!«

»Billy, du musst aufwachen. Du musst dich ans …«

Du musst dich ans Steuer setzen, hatte Dan sagen wollen, aber daraus wurde nichts. Vorläufig jedenfalls. Billys Augen gingen langsam zu, ein Augenlid langsamer als das andere. Dan rammte ihm Abras Ellbogen in die Rippen, wodurch er wieder wacher wurde. Zumindest momentan.

Scheinwerferlicht drang durch die Windschutzscheibe, als ein Fahrzeug sich aus der Gegenrichtung näherte. Dan hielt Abras Atem an, aber auch dieser Wagen fuhr vorbei, ohne abzubremsen. Vielleicht eine Frau, die allein unterwegs war, oder ein Vertreter, der eilig nach Hause wollte. Auf jeden Fall ein schlechter Samariter, und das war gut für sie, aber ein drittes Mal hatten sie womöglich nicht so viel Glück. Auf dem Land kümmerten die Leute sich im Allgemeinen umeinander. Ganz zu schweigen davon, dass sie neugierig waren.

»Bleib wach«, sagte er.

»Wer bist du?« Billy versuchte, sich auf das Mädchen zu konzentrieren, aber das war unmöglich. »Wie Abra hörst du dich nämlich überhaupt nicht an.«

»Das ist kompliziert. Konzentrier dich vorläufig bloß darauf, wach zu bleiben.«

Dan stieg aus und ging rund ums Heck zur Fahrertür, wobei er mehrmals stolperte. Ihre Beine, die bei ihrer ersten Begegnung so lang gewirkt hatten, waren einfach zu kurz. Er hoffte nur, dass die ganze Sache nicht so lange dauerte und er sich richtig an sie gewöhnen musste.

Auf dem Fahrersitz lag die Kleidung, die Crow getragen hatte. Seine Leinenschuhe standen auf der schmutzigen Fußmatte; die Socken hingen heraus. Alles an Blut und Gehirnmasse, was ihm auf T-Shirt und Jacke gespritzt war, war inzwischen verschwunden, hatte jedoch feuchte Flecke hinterlassen. Dan sammelte die Sachen ein und griff nach kurzer Überlegung auch nach der Pistole. Die hätte er zwar lieber behalten, aber wenn die Polizei den Wagen anhielt …

Das Bündel trug er vors Auto und verbarg es unter einem Haufen altem Laub. Dann ergriff er einen Teil des umgestürzten Birkenstamms, den der Wagen zerlegt hatte, und zerrte ihn über das Grab. Mit Abras Armen umzugehen war schwer, aber er schaffte es.

Er stellte fest, dass er nicht einfach in die Kabine steigen konnte; er musste sich am Lenkrad hochziehen. Und als er endlich am Lenkrad saß, reichten ihre Füße nicht bis zu den Pedalen. Scheiße.

Billy gab ein polterndes Schnarchen von sich, und Dan stieß ihm wieder den Ellbogen in die Rippen. Daraufhin machte Billy die Augen auf und sah sich um. »Wo sind wir? Hat dieser Kerl mich irgendwie schachmatt gesetzt?« Dann: »Ich glaube, ich muss wieder einschlafen.«

Während des erbitterten Kampfs um die Herrschaft über die Pistole war Crows ungeöffnete Fanta-Flasche auf den Boden gefallen. Dan beugte sich zur Seite, hob sie auf und hielt dann inne, Abras Hand schon an der Verschlusskappe. Er erinnerte sich daran, was geschah, wenn kohlensäurehaltige Getränke unsanft auf dem Boden aufschlugen. Von irgendwoher sagte Abra etwas zu ihm

(oje)

und sie lächelte, aber es war kein zorniges Lächeln. Das gefiel Dan.

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Ihr dürft mich nicht einschlafen lassen, sagte die aus Dans Mund kommende Stimme, weshalb John die Ausfahrt zur Fox Run Mall nahm, wo er dann den Wagen vor dem Kaufhaus Kohl’s abstellte. Dann gingen er und Dave mit Dans Körper auf und ab, jeder auf einer Seite. Es war wie einen Besoffenen am Ende einer harten Nacht zwischen sich zu haben – ab und zu sank Dans Kopf auf die Brust und hob sich dann wieder ruckartig. Beide erkundigten sich abwechselnd bei ihrem Schützling, was geschehen sei, was jetzt gerade geschehe und wo es geschehe, aber Abra schüttelte nur Dans Kopf. »Crow hat mir was in die Hand gespritzt, bevor ich auf die Toilette gehen durfte. Der Rest ist total verschwommen. Und jetzt pst! Ich muss mich konzentrieren.«

Bei dem dritten großen Kreis, den sie um Johns Wagen machten, verzog Dans Mund sich zu einem Grinsen, und ein sehr abramäßiges Kichern kam heraus. Dave warf John am Körper ihres dahintaumelnden Schützlings vorbei einen fragenden Blick zu. John zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf.

»Oje«, sagte Abra. »Fanta.«

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Dan neigte die Flasche und schraubte die Kappe ab. Mit Hochdruck schoss ein orangefarbener Schwall heraus und traf Billy mitten ins Gesicht. Der hustete und stammelte, war jedoch fürs Erste hellwach.

»Menschenskind! Wieso hast du das denn getan?«

»Hat doch funktioniert, oder?« Dan reichte ihm die immer noch blubbernde Flasche. »Trink den Rest. Tut mir leid, aber du darfst jetzt nicht wieder einschlafen, auch wenn du das unbedingt willst.«

Während Billy die Flasche an den Mund setzte und schluckte, beugte Dan sich vor und suchte den Hebel, um den Sitz zu verstellen. Er zog mit einer Hand daran, während er mit der anderen am Lenkrad riss. Die Sitzbank schnellte vorwärts, was Billy dazu brachte, sich Fanta übers Kinn zu schütten (und einen Ausdruck zu äußern, den Erwachsene normalerweise nicht in Anwesenheit junger Damen aus New Hampshire verwendeten), aber nun erreichten Abras Füße die Pedale. Gerade mal so. Dan legte den Rückwärtsgang ein und ließ den Wagen langsam schräg auf die Fahrbahn rollen. Als sie dort angelangt waren, stieß er einen erleichterten Seufzer aus. Im Graben einer wenig befahrenen Landstraße festzustecken hätte sie nicht recht weitergebracht.

»Weißt du überhaupt, was du da tust?«, erkundigte sich Billy.

»Durchaus. Tue ich schon seit Jahren … allerdings gab’s eine kleine Pause, als mir der Staat Florida den Führerschein entzogen hat. Damals habe ich zwar in einem anderen Staat gewohnt, aber leider gibt’s so was wie Amtshilfe. Der Fluch aller reisenden Säufer in diesem großen, schönen Land.«

»Du bist Dan!«

»Schuldig im Sinne der Anklage«, sagte er und spähte über den Rand des Lenkrads. Eigentlich hätte er ein dickes Buch als Sitzunterlage gebraucht, aber da er keines hatte, musste es auch so gehen. Er stellte den Wählhebel auf D und trat aufs Gas.

»Wie bist du in sie reingekommen?«

»Frag nicht.«

Crow hatte etwas von Privatwegen gesagt (oder es nur gedacht, das wusste Dan nicht so genau), und nachdem sie auf der Route 108 etwa vier Meilen zurückgelegt hatten, kamen sie an eine Abzweigung, an der ein rustikales Holzschild an eine Kiefer genagelt war: BOBS UND DOTS KLEINES PARADIES. Das war ein Privatweg, wie er im Buche stand. Dan bog ab, wobei er angesichts von Abras Armen froh über die Servolenkung war, und schaltete das Fernlicht ein. Eine Viertelmeile weiter war der Weg mit einer schweren Kette versperrt, an der ein weiteres, weniger rustikales Schild hing: ZUFAHRT VERBOTEN. Die Kette war erfreulich. Sie bedeutete, dass Bob und Dot nicht beschlossen hatten, das Wochenende in ihrem kleinen Paradies zu verbringen, und man war hier weit genug von der Straße entfernt, dass man nicht gesehen wurde. Es gab noch einen weiteren Vorteil: eine Betonrohrleitung, aus der Wasser rieselte.

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