Dan schaltete Scheinwerfer und Motor aus, dann sah er Billy an. »Siehst du die Rohre da? Da kannst du dir die Limo vom Gesicht waschen. Klatsch dir ordentlich Wasser ins Gesicht. Du musst so wach sein, wie es irgend geht.«
»Ich bin doch wach«, sagte Billy.
»Nicht wach genug. Pass auf, dass dein Hemd nicht nass wird. Und wenn du fertig bist, kämm dir die Haare. Du musst präsentabel aussehen.«
»Wo sind wir?«
»In Vermont.«
»Und wo ist der Kerl, der mich gekidnappt hat?«
»Tot.«
»Na, das geschieht ihm recht!«, rief Billy aus. Dann wurde er nachdenklich. »Was ist mit der Leiche? Wo ist die?«
Eine ausgezeichnete Frage, die Dan jedoch nicht beantworten wollte. Er wollte etwas ganz anderes – dass es vorbei war. Es war erschöpfend und brachte ihn völlig durcheinander. »Verschwunden. Und viel mehr brauchst du eigentlich nicht zu wissen.«
»Aber …«
»Nicht jetzt. Wasch dir das Gesicht, und geh dann ein paarmal den Weg da auf und ab. Lass die Arme schwingen, atme tief durch, und sorg dafür, dass du einen möglichst klaren Kopf bekommst.«
»Der tut übrigens verflucht weh.«
Dan war nicht überrascht. »Wenn du wiederkommst, ist dieses Mädchen wahrscheinlich wieder ein Mädchen, was bedeutet, dass du dich selbst ans Lenkrad setzen musst. Wenn du meinst, du bist wieder so weit auf dem Damm, dass du dich verständlich machen kannst, fahr in die nächste Stadt, wo ein Motel ist, und nimm dir ein Zimmer. Du machst eine kleine Reise mit deiner Enkeltochter, klar?«
»Klar«, sagte Billy. »Meine Enkeltochter. Abby Freeman.«
»Sobald du in deinem Zimmer bist, rufst du mich auf meinem Handy an.«
»Weil du dann da sein wirst, wo … wo der Rest von dir ist.«
»Genau.«
»Verdammt, das ist ja völlig abgedreht, Kumpel.«
»Ja, das ist es«, sagte Dan. »Unsere Aufgabe besteht darin, es wieder aufzudrehen.«
»Okay. Wie heißt überhaupt die nächste Stadt?«
»Keine Ahnung. Ich will nicht, dass du einen Unfall baust, Billy. Wenn du dich nicht in der Lage fühlst, zwanzig bis dreißig Meilen zu fahren und dann in ein Motel einzuchecken, ohne dass der Typ an der Rezeption die Cops ruft, müsst ihr beide die Nacht hier im Wagen verbringen. Bequem ist das zwar nicht, aber es wird euch wohl nichts passieren.«
Billy öffnete die Beifahrertür. »Lass mir zehn Minuten Zeit, dann schaffe ich es, für nüchtern durchzugehen. Ist nicht das erste Mal.« Er zwinkerte dem Mädchen am Lenkrad zu. »Schließlich arbeite ich für Casey Kingsley, und der hasst Alkohol bekanntlich wie die Pest.«
Dan beobachtete noch, wie Billy zur Rohrleitung ging und sich davorkniete, dann schloss er Abras Augen.
Auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums schloss Abra die von Dan.
(Abra)
(da bin ich)
(bist du wach)
(mehr oder weniger)
(wir müssen wieder das Rad drehen kannst du mir helfen)
Diesmal konnte sie es.
12
»Lasst mich los, Jungs«, sagte Dan. Seine Stimme war wieder seine eigene. »Mir geht’s blendend. Glaube ich.«
John und Dave ließen los. Sie hielten sich bereit, ihn wieder zu stützen, falls er stolperte, doch das tat er nicht. Stattdessen betastete er sich: Haare, Gesicht, Brust, Beine. Dann nickte er. »Ja«, sagte er. »Ich bin tatsächlich da.« Er sah sich um. »Und wo sind wir hier?«
»Bei einem Einkaufszentrum in Newington«, sagte John. »Etwa sechzig Meilen von Boston entfernt.«
»Gut, machen wir uns wieder auf die Socken.«
»Abra«, sagte Dave. »Was ist mit Abra?«
»Abra geht’s gut. Sie ist wieder da, wo sie hingehört.«
»Sie gehört nach Hause«, sagte Dave mehr als nur leicht verärgert. »In ihr Zimmer. Damit sie mit ihren Freundinnen chatten oder auf ihrem iPod diese dämliche Boygroup hören kann.«
Sie ist zu Hause, dachte Dan. Wenn der Körper eines Menschen sein Zuhause ist, dann ist sie da.
»Sie ist bei Billy. Der wird sich um sie kümmern.«
»Was ist mit dem Kerl, der sie gekidnappt hat. Mit diesem Crow?«
Dan, der am Heck von Johns Wagen angelangt war, blieb kurz stehen. »Um den müssen Sie sich keine Sorgen mehr machen. Jetzt geht es um jemand andres – um Rose.«
13
Das Motel Crown stand schon auf der anderen Seite der Grenze von Vermont, in Crownville, New York. Es war ein heruntergekommener Schuppen mit einer flackernden Neonreklame, die ZIMM R FREI und MEGA-AUS AHL KAB L-TV! verkündete. Auf den etwa dreißig Stellplätzen parkten nur vier Autos. Der Mann an der Rezeption war ein wahrer Fettberg, dem ein nach unten immer dünner werdender Pferdeschwanz den halben Rücken hinunterhing. Er zog Billys Visa-Karte durchs Lesegerät und gab ihm die Schlüssel zu zwei Zimmern, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden, auf dem zwei Frauen sich auf einem roten Samtsofa unermüdlich abknutschten.
»Sind die miteinander verbunden?«, fragte Billy. »Die Zimmer, meine ich«, fügte er nach einem Blick auf die beiden Frauen hinzu.
»Ja, klar, die sind alle verbunden, schließen Sie einfach die Türen auf.«
»Danke.«
Billy fuhr am Gebäude entlang bis zu Nummer 23 und 24 und parkte dort. Abra lag zusammengekauert auf ihrem Sitz, den Kopf auf den Arm gelegt, und schlief tief und fest. Er schloss die Zimmer auf, knipste das Licht an und öffnete die Verbindungstüren. Die Unterkunft sah schäbig, aber nicht ganz katastrophal aus. Ohnehin wollte Billy nur noch Abra auf ihr Zimmer schaffen und sich aufs Ohr hauen. Am liebsten zehn Stunden lang. Sein Alter machte ihm nur selten zu schaffen, aber heute fühlte er sich steinalt.
Als er Abra aufs Bett legte, wachte sie halb auf. »Wo sind wir?«
»In Crownville, New York. Hier sind wir sicher. Ich bin im Nebenzimmer.«
»Ich will zu meinem Dad. Und Dan.«
»Bald.« Hoffentlich stimmte das.
Ihre Augen gingen zu, dann öffneten sie sich langsam wieder. »Ich hab mit dieser Frau gesprochen. Mit dieser miesen Schlampe.«
»Ach ja?« Billy hatte keine Ahnung, was sie meinte.
»Sie weiß, was wir getan haben. Sie hat es gespürt. Und es hat wehgetan.« In Abras Augen stand ein kaltes Funkeln. Es war, fand Billy, wie ein kurzer Blick auf die Sonne am Ende eines kalten, wolkenverhangenen Februartags. »Ich bin froh darüber.«
»Schlaf jetzt, Kleines.«
In Abras bleichem, müdem Gesicht leuchtete immer noch ein kaltes Winterlicht. »Sie weiß, dass ich hinter ihr her bin.«
Billy überlegte, ob er ihr die Haare aus den Augen streichen sollte, aber was, wenn sie ihm dabei in die Hand biss? Wahrscheinlich war das ein alberner Gedanke, aber … dieses Licht in ihren Augen. So hatte seine Mutter manchmal ausgesehen, kurz bevor sie die Beherrschung verloren und einem der Kinder eins übergezogen hatte. »Morgen früh geht es dir bestimmt besser. Ich würde zwar am liebsten noch heute Nacht zurückfahren – schon wegen deinem Dad –, aber in meiner Verfassung kann ich mich nicht lange ans Steuer setzen. Hatte schon Glück, dass ich’s bis hierher geschafft hab, statt irgendwo unterwegs im Graben gelandet zu sein.«
»Wenn ich bloß mit meiner Mama und meinem Dad sprechen könnte …«
Billys Mutter und Vater, die selbst in ihren besten Zeiten nie Kandidaten für die Eltern des Jahres gewesen waren, waren schon lange tot, und er wollte endlich schlafen gehen. Sehnsüchtig blickte er durch die offene Tür auf das Bett im Nebenzimmer. Bald, aber noch nicht jetzt. Er zog sein Handy aus der Tasche und klappte es auf. Es läutete zweimal, dann meldete sich Dan. Nach einer kleinen Weile reichte Billy das Telefon an Abra weiter. »Dein Vater. Bitte sehr.«
Abra grapschte nach dem Telefon. »Dad? Dad?« In ihre Augen traten Tränen. »Ja, mir … stopp, Dad, mir geht’s gut. Bin bloß so müde, dass ich kaum …« Sie erschrak. »Was ist überhaupt mit dir?«
Sie lauschte. Billys Augen gingen von selber zu, sodass er sie mühsam wieder aufreißen musste. Inzwischen weinte Abra aus tiefster Seele, worüber er irgendwie froh war. Die Tränen löschten dieses Funkeln in ihren Augen.
Sie gab ihm das Telefon zurück. »Das ist Dan. Er will noch mal mit dir sprechen.«
Billy hörte zu. »Abra«, sagte er dann, als ihre Tränen verebbt waren. »Dan will wissen, ob du meinst, dass noch andere von denen unterwegs sind. Und falls ja, ob sie schon so nah sind, dass sie heute Nacht hier eintreffen.«
»Nein. Ich glaube, Crow wollte sich mit ein paar anderen treffen, aber die sind noch weit weg. Und ohne dass Crow es ihnen sagt …« Sie unterbrach sich für ein gewaltiges Gähnen. »… können sie nicht rauskriegen, wo wir sind. Sag Dan, dass uns nichts passieren kann. Und sag ihm, er soll das auch meinem Dad klarmachen.«
Billy übermittelte diese Nachricht. Als er auflegte, lag Abra bereits auf dem Bett, hatte die Knie zur Brust gezogen und schnarchte leise. Billy holte eine Decke aus dem Schrank und breitete sie über sie, dann ging er zur Tür und legte die Kette vor. Er dachte nach und klemmte zur Sicherheit noch den Schreibtischstuhl unter den Knauf. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, hatte sein Vater gern gesagt.
14
Rose öffnete das Geheimfach unter der Fußmatte und holte eine der Flaschen heraus. Zwischen den Vordersitzen des EarthCruisers kniend, schraubte sie das Ventil auf und stülpte den Mund über die zischende Öffnung. Ihr Unterkiefer dehnte sich bis zur Brust, und der untere Teil ihres Gesichts wurde zu einem dunklen Loch, aus dem ein einzelner Zahn ragte. Ihre normalerweise nach oben gewandten Augen drehten sich nach unten und verfinsterten sich. Ihr Gesicht wurde zu einer tristen Totenmaske, unter der der Schädel deutlich sichtbar war.