»Raus«, sagte Rose zu ihr.
Sarey gehorchte stumm. Durch die breite Windschutzscheibe des EarthCruisers hindurch sah Rose, wie Sarey barfuß zu dem Bounder zurücktrottete, den sie sich mit Snakebite Andi geteilt hatte.
Das Mädchen.
Statt davonzulaufen und sich zu verstecken, machte dieses kleine Aas doch tatsächlich Telefonanrufe. Eiserne Nerven hatte die Kleine, das musste man zugeben. Aber war es ihre eigene Idee gewesen? Das war schwer zu glauben, oder nicht?
»Sag mal, wieso hast du dich eigentlich schon so früh in der Küche herumgetrieben?«
»Ich konnte nicht einschlafen.«
Sie wandte sich ihm zu. Er war ein groß gewachsener, älterer Kerl mit schütterem Haar und einer Bifokalbrille auf der Nase. Ein Tölpel hätte ihm monatelang täglich auf der Straße begegnen können, ohne ihn wahrzunehmen, aber er hatte durchaus gewisse Fähigkeiten. Paul besaß zwar kein Schläfertalent wie Snakebite es hatte, und er war auch kein Finder wie der verstorbene Grampa Flick, aber er war ein anständiger Überreder. Wenn er einem Tölpel suggerierte, dieser solle seiner Frau – oder einem Fremden – eine Ohrfeige verpassen, dann geschah genau das, und zwar flott. Jedes Mitglied des Wahren Knotens verfügte über sein eigenes kleines Talent; das war der Grund, weshalb sie überall durchkamen.
»Zeig mir mal deine Arme, Paulie.«
Er seufzte und schob die Ärmel seines Bademantels und seines Pyjamas bis zu den runzligen Ellbogen hoch. Da waren sie, die roten Flecke.
»Seit wann hast du die?«
»Die ersten paar hab ich gestern Nachmittag bemerkt.«
»Fieber?«
»Ja. Ein bisschen.«
Sie blickte in seine ehrlichen, vertrauensvollen Augen und hätte ihn am liebsten umarmt. Einige waren davongelaufen, aber Long Paul war noch da. Die meisten anderen ebenfalls. Auf jeden Fall waren es genug, dass man mit diesem kleinen Aas fertigwerden konnte, wenn es wirklich so leichtsinnig war, hier aufzutauchen. Was durchaus möglich war. Welches zwölfjährige Mädchen war nicht leichtsinnig?
»Du wirst wieder gesund«, sagte sie.
Er seufzte noch einmal. »Hoffentlich. Falls nicht, hatten wir eine verdammt gute Zeit.«
»So was will ich gar nicht erst hören. Jeder, der hier bei uns bleibt, wird gesund. Das verspreche ich, und ich halte meine Versprechen. Aber hören wir jetzt erst mal, was unsere kleine Freundin aus New Hampshire zu sagen hat.«
3
Kaum eine Minute nachdem Rose es sich auf dem Sessel neben der großen Bingo-Trommel gemütlich gemacht hatte (den langsam abkühlenden Becher Kaffee neben sich), gab das Münztelefon der Lodge ein noch aus dem 20. Jahrhundert stammendes Scheppern von sich, das sie zusammenfahren ließ. Sie ließ es zweimal läuten, bevor sie den Hörer schließlich von der Gabel nahm. »Hallo, meine Liebe«, sagte sie in dem gelassensten Ton, der ihr zur Verfügung stand. »Wieso hast du denn nicht mental Kontakt mit mir aufgenommen? Dann hättest du dir die Gebühren für das Ferngespräch sparen können.«
Es wäre allerdings äußerst leichtsinnig gewesen, wenn das kleine Aas das tatsächlich versucht hätte. Schließlich war Abra Stone nicht die Einzige, die Fallen stellen konnte.
»Ich komme zu dir«, sagte das Mädchen. Ihre Stimme klang so jung, so frisch! Rose dachte an all den nützlichen Steam, der mit dieser Frische verbunden war, und spürte in sich Gier aufsteigen wie ungestillten Durst.
»Das hast du mir bereits gesagt. Aber bist du dir wirklich sicher, dass du das tun willst, meine Liebe?«
»Wirst du da sein, wenn ich komme? Oder treffe ich bloß auf deine abgerichteten Ratten?«
Rose spürte ein Fünkchen Ärger. Das war zwar nicht hilfreich, aber sie war einfach kein Morgenmensch.
»Wieso sollte ich nicht da sein, meine Liebe?« Sie sorgte dafür, dass sich ihre Stimme weiterhin ruhig und ein wenig nachsichtig anhörte – so wie sie sich die Stimme einer Mutter vorstellte (selber war sie nie eine gewesen), die mit einem zu Tobsuchtsanfällen neigenden Kleinkind sprach.
»Weil du feige bist.«
»Ich wüsste gern, wie du auf so etwas kommst«, sagte Rose. Ihr Ton blieb derselbe – nachsichtig, leicht amüsiert –, aber ihre Hand umklammerte das Telefon und drückte es fester ans Ohr. »Du hast mich doch noch nie getroffen.«
»Klar hab ich das. In meinem Kopf, und da hast du sofort den Schwanz eingezogen und dich davongemacht. Außerdem tötest du Kinder. Bloß Feiglinge töten Kinder.«
Du musst dich vor einem Teenager nicht rechtfertigen, sagte Rose sich. Schon gar nicht, wenn es ein Tölpel ist. Dennoch hörte sie sich sagen: »Du weißt überhaupt nichts über uns. Du hast keine Ahnung, was wir sind und was wir tun müssen, um zu überleben.«
»Ein Haufen Feiglinge seid ihr«, sagte das kleine Aas. »Ihr meint, ihr seid so intelligent und stark, aber das Einzige, worin ihr wirklich gut seid, ist fressen und ein langes Leben haben. Ihr seid wie Hyänen. Ihr tötet die Schwachen, und dann lauft ihr weg. Feiglinge!«
Die Verachtung in Abras Stimme drang wie Säure in Rose’ Ohr. »Das ist nicht wahr!«
»Und du bist der Oberfeigling. Schließlich wolltest du nicht selber kommen, um mich zu holen, oder? Nein, du doch nicht. Stattdessen hast du deine Leute geschickt.«
»Wollen wir uns jetzt eigentlich normal unterhalten, oder …«
»Was ist normal daran, Kinder umzubringen, damit ihr das Zeug in ihrem Kopf stehlen könnt? Was ist normal daran, du feige alte Hexe? Du hast deine Leute geschickt, damit sie deine Arbeit tun, du hast dich hinter ihnen versteckt, und das war ziemlich clever von dir, denn jetzt sind sie alle tot.«
»Du dummes kleines Aas, du hast ja keine Ahnung!« Rose sprang auf, wobei sie mit den Oberschenkeln an den Tisch knallte. Ihr Becher fiel um, und der Kaffee ergoss sich unter die Bingo-Trommel. Long Paul lugte durch die Küchentür, sah den Ausdruck auf ihrem Gesicht und zog sich sofort wieder zurück. »Wer ist hier feige? Wer ist der echte Feigling? Am Telefon bist du natürlich mutig, aber mir das ins Gesicht zu sagen wagst du bestimmt nicht!«
»Na, wie viele Typen wirst du bei dir haben, wenn ich komme?«, höhnte Abra. »Wie viele, du feige Tussi?«
Rose erwiderte nichts. Sie musste sich wieder in die Gewalt bekommen, das wusste sie, aber sich von einem Tölpelmädchen im Neuntklässler-Slang beschimpfen zu lassen … und dann noch von einem Mädchen, das zu viel wusste. Viel zu viel.
»Hast du überhaupt genug Mumm, dich mir allein entgegenzustellen?«, fragte das kleine Aas.
»Wart’s nur ab!«, stieß Rose hervor.
Am anderen Ende entstand eine Pause, und als das kleine Aas wieder etwas sagte, hörte es sich nachdenklich an. »Bloß wir zwei? Nein, das traust du dich nicht. Zu so was hat ein Feigling wie du nie genügend Mumm. Nicht mal, wenn du’s mit jemand zu tun hast, der noch nicht erwachsen ist. Alles, was du kannst, ist bescheißen und lügen. Klar, manchmal siehst du ganz hübsch aus, aber ich hab dein echtes Gesicht gesehen. Du bist bloß eine feige alte Hexe.«
»Du … du …« Mehr brachte sie nicht heraus. Ihr Zorn war so stark, als könnte er sie erwürgen. Teilweise lag das daran, dass sie – Rose the Hat – von einer Göre heruntergeputzt wurde, die mit dem Fahrrad durch die Gegend gondelte und sich in den letzten Wochen wahrscheinlich hauptsächlich mit der Frage beschäftigt hatte, wann ihr endlich Busen wuchsen, die größer als zwei Mückenstiche waren.
»Na, vielleicht gebe ich dir ja eine Chance«, sagte das kleine Aas. Ihr Selbstvertrauen und ihre Tollkühnheit waren unglaublich. »Allerdings – wenn du drauf eingehst, wische ich mit dir den Boden auf. Um die anderen kümmere ich mich erst gar nicht, die sind bekanntlich schon am Sterben.« Worauf das Aas sogar lachte. »Die ersticken an dem Baseballjungen, und das geschieht ihnen recht.«
»Wenn du kommst, kille ich dich«, sagte Rose. Eine ihrer Hände griff ihr unwillkürlich an die Kehle, schloss sich darum und begann, rhythmisch zuzudrücken. Das würde blaue Flecke geben. »Wenn du davonläufst, suche ich dich. Und wenn ich dich gefunden habe, wirst du stundenlang schreien, bis du stirbst.«
»Ich laufe nicht davon«, sagte das Mädchen. »Und wir werden schon sehen, wer von uns beiden schreit.«
»Wie viele wirst denn du mitbringen, um dir den Rücken freizuhalten? Na, meine Liebe?«
»Ich werde allein sein.«
»Das glaube ich dir nicht.«
»Lies meine Gedanken«, sagte das Mädchen. »Oder fürchtest du dich sogar davor?«
Rose schwieg.
»Klar fürchtest du dich. Schließlich erinnerst du dich, was beim letzten Mal passiert ist, als du’s versucht hast. Da hab ich es dir zurückgezahlt, und das hat dir gar nicht gefallen, oder? Hyäne. Kindermörderin. Feige Sau.«
»Hör auf … mich … so … zu … nennen.«
»Da, wo du bist, ist oben am Hang eine Plattform. Ein Ausguck. Dach der Welt heißt der, das hab ich im Internet gesehen. Komm am Montagnachmittag um fünf da hin. Aber allein. Falls der Rest von deinem Hyänenrudel nicht in dieser Lodge bleibt, werde ich es merken. Und dann verschwinde ich wieder.«
»Ich finde dich«, wiederholte Rose.
»Ach, meinst du?« Richtig höhnisch klang das.
Rose schloss die Augen und sah das Mädchen. Sie sah es auf dem Boden liegen und sich winden, den Mund voll stechender Hornissen. Aus ihren Augen ragten glühende Stäbe. Niemand wagt es, so mit mir zu sprechen. Niemals.
»Na schön, nehmen wir mal an, du findest mich. Aber wenn du das tust, wie viele von deinen dämlichen Freunden werden dann noch übrig sein, um dir zu helfen? Ein Dutzend? Zehn? Oder bloß noch drei oder vier?«