»Sie wird nicht aufgeben, Mama«, sagte Abra. »Sie nicht und die anderen auch nicht.«
»Abra wird nicht in Gefahr geraten«, sagte Dan. »Es gibt so etwas wie ein Rad, ein besserer Ausdruck dafür fällt mir nicht ein. Wenn es gefährlich wird oder gar schiefläuft, wird Abra dieses Rad verwenden, um sich davonzumachen. Sie wird sich aus der Situation herausziehen. Das hat sie mir versprochen.«
»Genau«, sagte Abra. »Ich hab’s versprochen.«
Dan warf ihr einen strengen Blick zu. »Und dieses Versprechen wirst du halten, richtig?«
»Ja«, sagte Abra mit fester Stimme, aber doch deutlich widerstrebend. »Das werde ich.«
»Wir müssen auch an diese ganzen Kinder denken«, sagte John. »Wer weiß, wie viele diese Bande im Lauf der Jahre umgebracht hat. Vielleicht Hunderte.«
Wenn die Mitglieder des Wahren Knotens so lange lebten, wie Abra glaubte, waren es wohl eher Tausende, dachte Dan. »Und das würde so weitergehen«, sagte er. »Selbst wenn sie Abra in Frieden lassen.«
»Immer vorausgesetzt, sie krepieren nicht alle an den Masern«, sagte Dave hoffnungsvoll. Er sah John an. »Du hast gesagt, das wäre durchaus möglich.«
»Sie wollen mich schnappen, weil sie denken, ich kann ihre Masern heilen«, sagte Abra. »Endlich geschnallt?«
»Kein Grund, ausfällig zu werden«, sagte Lucy abwesend. Sie nahm das letzte Stück Pizza, betrachtete es und warf es in die Schachtel zurück. »An die anderen Kinder will ich nicht denken. Ich denke an Abra. Ich weiß, wie schlimm sich das anhört, aber es ist die Wahrheit.«
»Wenn du die ganzen kleinen Fotos in der Zeitung gesehen hättest, würdest du wahrscheinlich anders denken«, sagte Abra. »Mir gehen sie jedenfalls nicht aus dem Kopf. Manchmal träume ich davon.«
»Falls diese Irre einigermaßen logisch denkt, weiß sie, dass Abra nicht alleine kommt«, sagte Dave. »Die kann ja nicht einfach nach Denver fliegen und dort einen Wagen mieten. Schließlich ist sie erst zwölf Jahre alt.« Er warf seiner Tochter einen halb amüsierten Seitenblick zu. »Endlich geschnallt?«
»Durch das, was am Wolkentor geschehen ist, weiß Rose schon, dass Abra Freunde hat«, sagte Dan. »Allerdings weiß sie nicht, dass mindestens einer davon dieselbe Gabe hat wie sie.« Er sah Abra fragend an, und diese nickte bestätigend. »Daher, Lucy … und Dave – ich glaube, gemeinsam können Abra und ich dieser …« Er suchte nach dem richtigen Wort und fand nur ein einziges, das passte. »… dieser Seuche ein Ende bereiten. Einer von uns allein …« Er schüttelte den Kopf.
»Außerdem kannst weder du noch Dad mich daran hindern«, sagte Abra. »Ihr könnt mich zwar in meinem Zimmer einsperren, aber meinen Kopf einsperren könnt ihr nicht!«
Lucy warf Abra einen drohenden Blick zu. Von der Sorte, die Mütter exklusiv für ihre rebellischen Töchter reservierten, und er hatte bisher immer gewirkt, selbst wenn Abra einen ihrer Tobsuchtsanfälle hatte. Diesmal versagte er. Abra sah ihre Mutter ruhig an. In ihrem Blick lag eine Traurigkeit, bei der es Lucy kalt ums Herz wurde.
Dave ergriff Lucys Hand. »Ich glaube, es geht nicht anders.«
Im Raum breitete sich Schweigen aus. Es war Abra, die es brach. »Wenn niemand das letzte Stück Pizza da haben will, nehme ich es. Ich bin nämlich noch echt hungrig.«
3
Sie sprachen den Plan noch mehrere Male durch, und bezüglich mancher Details gab es Einwände, aber im Grunde war alles gesagt. Mit einer Ausnahme, wie sich herausstellte. Als sie das Zimmer verlassen hatten, weigerte sich Billy, in Johns Auto zu steigen.
»Ich fahre mit«, sagte er zu Dan.
»Billy, das weiß ich zwar zu schätzen, aber es ist keine gute Idee.«
»Wer in meinem Wagen sitzt, bestimme ich. Außerdem, wie willst du es alleine bis Montagnachmittag nach Colorado schaffen? Das ist völlig lächerlich. Du siehst nämlich beschissen aus.«
»Das haben mir in letzter Zeit schon mehrere Leute erklärt«, sagte Dan. »Aber noch nie auf so elegante Weise.«
Billy grinste nicht einmal ansatzweise. »Ich kann dir helfen. Ich bin zwar alt, aber tot bin ich noch lange nicht.«
»Nimm ihn mit«, sagte Abra. »Er hat recht.«
Dan sah sie aufmerksam an.
(weißt du etwas Abra)
Die Antwort kam auf der Stelle.
(nein aber ich spüre etwas)
Das reichte Dan. Er breitete die Arme aus. Abra warf sich hinein und drückte das Gesicht an seine Brust. Er hätte sie lange so umarmen können, aber er ließ sie los und trat einen Schritt zurück.
(sag mir wenn du bald da bist Onkel Dan dann komme ich)
(du musst ganz behutsam sein vergiss das nicht)
Statt eines ausformulierten Gedankens schickte sie ihm ein Bild: einen Rauchmelder, der piepte, weil seine Batterie leer war. Sie wusste genau, wie sie sich verhalten musste.
Während sie zu Johns Wagen gingen, sagte Abra zu ihrem Vater: »Auf der Rückfahrt müssen wir irgendwo anhalten und eine Genesungskarte kaufen. Julie Cross hat sich gestern beim Fußballtraining das Handgelenk gebrochen.«
Stirnrunzelnd sah Dave sie an. »Woher willst du das denn wissen?«
»Ich weiß es eben«, sagte sie.
Er zog sie sanft an einem ihrer Pferdeschwänzchen. »Du hast tatsächlich nichts davon verlernt, stimmt’s? Ich weiß bloß nicht, wieso du uns nie etwas davon erzählt hast, Abba-Doo.«
Dan, der ebenfalls mit dem Shining aufgewachsen war, hätte die Frage sofort beantworten können.
Manchmal mussten Eltern eben beschützt werden.
4
Damit trennten sich ihre Wege. Johns SUV fuhr nach Osten, Billys Pick-up nach Westen, mit seinem Besitzer am Steuer. »Kannst du wirklich fahren, Billy?«, fragte Dan.
»Nachdem ich derartig lang gepennt hab? Junge, ich könnte bis Kalifornien fahren!«
»Weißt du überhaupt, wo es hingeht?«
»Als ich in der Stadt auf die Pizza gewartet hab, hab ich einen Autoatlas gekauft.«
»Also warst du da schon fest entschlossen. Und du wusstest, was Abra und ich vorhaben.«
»Na ja … mehr oder weniger. Manchmal hab ich so ein Gefühl.« Er grinste. »Ich glaube, das hab ich dir schon an dem Tag gesagt, als wir uns kennengelernt haben.«
»In Ordnung, aber wenn ich dich ablösen soll, melde dich«, sagte Dan, legte den Kopf ans Seitenfenster und schlief augenblicklich ein. Er versank in einem immer tiefer werdenden Abgrund voll verstörender Bilder. Zuerst kamen die Heckentiere im Garten des Overlooks, die sich bewegten, wenn man nicht hinsah. Es folgte Mrs. Massey aus Zimmer 217, der nun ein Zylinder schräg auf dem Kopf saß. Noch tiefer sinkend, befand er sich wieder in der Schlacht am Wolkentor. Als er jedoch diesmal in den Winnebago stürmte, lag dort Abra mit aufgeschlitzter Kehle auf dem Boden. Über ihr stand Rose, ein tropfendes Rasiermesser in der Hand. Als sie Dan sah, verzog die untere Hälfe ihres Gesichts sich zu einem obszönen Grinsen, in dem ein einzelner langer Zahn glänzte. Ich hab ihr gesagt, dass es so endet, aber sie hat nicht zugehört, sagte sie. Leider tun Kinder das selten.
Darunter kam nur noch Dunkelheit.
Als er aufwachte, sah er eine Dämmerung, in deren Mitte eine durchbrochene weiße Linie leuchtete. Sie fuhren auf einer Interstate.
»Wie lange hab ich geschlafen?«
Billy warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Elf Stunden und ein paar Zerquetschte. Fühlst du dich besser?«
»Ja.« Das stimmte, aber nur teilweise. Sein Kopf war klar, aber er hatte grausame Bauchschmerzen. Angesichts dessen, was er morgens im Spiegel gesehen hatte, war das kein Wunder. »Wo sind wir?«
»Hundertfünfzig Meilen östlich von Cincinnati, jedenfalls ungefähr. Hab inzwischen zweimal getankt, aber du hast einfach weitergepennt. Außerdem schnarchst du.«
Dan setzte sich auf. »Wir sind schon in Ohio? Wahnsinn! Wie viel Uhr ist es?«
Billy sah noch einmal auf seine Uhr. »Viertel nach sechs. War nicht weiter schwierig, wenig Verkehr und kein Regen. Wenn Engel reisen …«
»Gut, aber jetzt suchen wir uns ein Motel. Du musst dich aufs Ohr legen, und ich muss pissen wie ein Stier.«
»Kein Wunder.«
An der nächsten Ausfahrt mit Schildern, die auf Tankstellen, Lokale und Motels hinwiesen, verließ Billy die Schnellstraße. Er hielt bei Wendy’s und besorgte zwei Hamburger und etwas zu trinken, während Dan die Toilette aufsuchte. Als sie wieder im Wagen saßen, biss Dan in seinen Burger, steckte ihn wieder in die Tüte und nippte vorsichtig an seinem Kaffee-Milchshake. Den schien sein Magen zu akzeptieren.
Billy sah ihn geschockt an. »Mann, du musst was essen! Was ist denn los mit dir?«
»Ich glaube, Pizza zum Frühstück war keine gute Idee.« Weil Billy ihn immer noch ansah, fügte er hinzu: »Der Milchshake ist okay. Mehr brauche ich gar nicht. Schau auf die Straße, Billy. Wenn wir auf der Intensivstation landen, sind wir für Abra keine Hilfe mehr.«
Fünf Minuten später parkte Billy seinen Pick-up unter dem Vordach eines Fairfield Inn, über dessen Tür ein Schild mit der Aufschrift ZIMMER FREI blinkte. Er stellte den Motor ab, stieg jedoch nicht aus. »Da ich mein Leben mit dir aufs Spiel setze, Junge, will ich wissen, was mit dir los ist.«
Fast hätte Dan darauf hingewiesen, dass Billy selber auf die Idee gekommen war, sein Leben aufs Spiel zu setzen, aber das wäre unfair gewesen. Daher erklärte er es. Billy lauschte schweigend und mit großen Augen.
»Ich glaub, mich tritt ein Pferd«, sagte er, als Dan fertig war.
»Hier in Ohio ist das nicht ganz unwahrscheinlich«, sagte Dan. »Na, gehst du zur Rezeption, oder soll ich das machen?«